Ein fast friedlicher Wald
»Nun, seid Ihr schon bereit?«
Es ist soweit. Also, macht es Euch wieder so richtig gemütlich, deckt Euch gut zu und … pssst, seid jetzt schön leise, denn wir wollen nun schauen, wie es weiter ging …
Vinidi Öseblöm hatte wirklich ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Mit einem geschickten Sprung erreichte er den Felsen und kletterte auf Amiras Rücken. »Lass uns starten«, drängte er und hielt sich dabei gut an ihrem kräftigen Hals fest.
Amira breitete ihre Flügel aus und mit ein paar kräftigen Flügelschlägen erhob sie sich in die Lüfte. Sehr schnell ließen sie die Schafe hinter sich zurück. Der Anführer der Schafherde rief ihnen noch etwas hinterher, aber er hatte wohl zu lange nachgedacht, denn weder Amira, noch Öseblöm konnten seine Bitte verstehen …
Der Wald, von dem der Bock gesprochen hatte, war doch weiter entfernt, als es auf den ersten Blick aussah. »Flieg doch schneller,« drängte Öseblöm, »wir müssen uns beeilen.«
»Was haben die dummen Schafe denn erzählt?«, fragte Amira, die immer noch bezweifelte, dass man von einem Schaf Hilfe erhalten konnte. »Sie haben einen Adler gesehen«, antwortete Öseblöm, aber von dem Pfeil im Popo des Adlers erzählte er seiner Freundin noch nichts.
Amira erhöhte ihre Geschwindigkeit so sehr, dass Öseblöm mit einer Hand seinen grünen Jägerhut richtig festhalten musste, wollte er ihn nicht verlieren. So dauerte es nicht mehr lang, bis sie schließlich den Wald erreichten. Amira begann über dem Wald zu kreisen und hielt Ausschau nach ihrem Pepe. Durch das starke Dickicht der Baumkronen konnte aber auch ein scharfes Adlerauge nur schwerlich etwas erkennen. Öseblöm spitzte deshalb seine großen Ohren, drehte diese wie ein Radargerät in alle Richtungen und erschrak!
Aus der Mitte des Waldes drang ein entferntes Wimmern zu ihnen herauf.
»Da unten!«, rief er, und deutete auf einen besonders hohen Baum, der zwischen den Baumkronen ein wenig herausragte. Amira glitt augenblicklich in die Tiefe und suchte nach einer Möglichkeit zu landen. Aber jedes Mal, wenn sie versuchte, einen Ast zu greifen, wich dieser vor ihren mächtigen Klauen zurück. Gleichzeitig versperrten andere Äste und Zweige den Weg zum Waldboden, ganz so, als wollten sie einen Eindringling abwehren.
»Auch das noch!«, stöhnte Öseblöm auf, aber weiter kam er nicht. Aus dem Nichts heraus schnellte plötzlich von links ein gewaltiger Ast heran und traf Amira an der Seite. Sofort wurde sie wie ein bunter Ball durch die Luft gewirbelt. Öseblöm verlor jeglichen Halt und flog in einem noch größeren Bogen davon. Während Amira mit heftigen Flügelschlägen wieder an sicherer Höhe gewann, näherte sich Öseblöm in einem großen Bogen den nächsten Baumwipfeln.
Kaum dass er die ersten Äste berührte, wurde Öseblöm gepackt und wieder in die Höhe geschleudert. Er sah dabei aus, wie ein Flummi Ball, der auf dem Dach des Waldes entlanghüpfte. Dabei stießen ihn die Bäume immer weiter Richtung Waldrand.
Öseblöm musste sich schnell etwas einfallen lassen, wollte er nicht ganz unsanft auf den Boden fallen. Noch drei Würfe, dann hätte er den Wald hinter sich. Noch zwei – wo war nur Amira?
Noch ein letzter mächtiger Wurf – schon flog er über die Bäume hinweg … und Amira war immer noch nicht zu sehen. Der harte Boden schien schon zum Greifen nah. Praktisch in letzter Sekunde griff er nach seinem Halstuch und breitete es wie einen großen Fallschirm aus …
Daran segelte Öseblöm sanft zu Boden und landete schließlich nicht weit entfernt von den ersten Bäumen dieses unfreundlichen Waldes. Öseblöm saß auf seinem Popo. Jetzt bemerkte er Amira, die sich gerade zu ihm gesellte. »Du kommst aber früh«, sagte er. »Ich war beschäftigt«, erklärte die Adlerdame und rückte ihre zerzausten Federn zurecht.
»Na, dann wollen wir mal«, brummte Öseblöm, sprang mit einem Satz auf, klopfte sich den Staub von der Kleidung und marschierte Richtung Wald.
Amira folgte ihm, hielt aber einen vorsichtigen Abstand. Als Öseblöm den Rand des Waldes erreichte und einfach eintreten wollte, versperrten ihm die mächtigen Bäume den Weg. Ganz gleich, wie er es versuchte, sie ließen ihn einfach nicht hinein.
Da machte Öseblöm einen Schritt zurück, lächelte und verbeugte sich tief: »Mein Name ist Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm, und ich begehre Einlass in diesen wunderschönen Wald.«
Amira schaute ganz erstaunt zu ihrem Freund herüber. Die Bäume aber gaben tatsächlich ein wenig den Weg frei. »Was wollt ihr in diesem Wald?«, fragte die knorrige, alte Eiche, die sich Öseblöm ganz besonders in den Weg gestellt hatte.
»Wir sind auf der Suche nach einem jungen Adler.« Öseblöm zeigte auf Amira und erklärte weiter: »Meine Freundin vermisst nämlich ihren Sohn.«
Die Eiche wurde zusehends freundlicher: »Einen Adler, mmhhh – ihr meint doch nicht etwa den, mit einem Pfeil im Popo?« Öseblöm schluckte unmerklich und Amira riss ihre Augen weit auf vor Schreck.
»Einen solchen Adler haben wir schon bei uns. Der jammert die ganze Zeit. Falls ihr ihm helfen wollt, dürft ihr hereinkommen.« Mit diesen Worten gab die Eiche den Weg endgültig frei.
»Danke«, sagte Öseblöm und betrat mit vorsichtigen Schritten den Wald. Amira folgte ihm, sie war ganz aufgeregt. »Da wäre er besser zum Mond geflogen«, dachte sie nur.
Sie folgte rasch dem leisen Jammern, das irgendwo aus dem Zentrum des Waldes zu kommen schien. Deshalb hörte sie nicht mehr, wie die Eiche ihnen noch nachrief: »Aber jung ist der Adler nicht mehr. Der sieht viel älter aus, älter noch als Deine Freundin. Außerdem schläft er jetzt. Erschreckt ihn also nicht.« »Es ist nicht Pepe,« dachte Öseblöm erleichtert, »und er schläft gerade …«
Und genau das, liebe Kinder, solltet Ihr jetzt auch tun. Denn nun heißt es wieder:
»Gute Nacht und schlaft recht schön, denn morgen wird es weiter gehen.«