Das Halstuch
»Seid Ihr schon fertig und bereit …?«
Dann also ab ins Bett! Deckt Euch schon einmal zu und macht es Euch wieder gemütlich. Dann können wir mit der Erzählung fortfahren …
Da lag er nun, der riesige Adler, mitten auf der Veranda und regte sich nicht. Die Walnuss hatte ihn k.o. gehen lassen. An seiner Stirn bildete sich bereits eine dicke Beule. Unsere Freunde gingen vorsichtig um ihn herum. Balthasar legte das Halstuch auf den Tisch. Kalle suchte sich einen langen Stock und stupste damit den Adler an.
»Bist Du verrückt?«, fragte Malle. »Wenn er noch lebt, dann kann er uns alle fressen.«
»Ach was,« erklärte Kalle, »Adler fressen keine Menschen. Allerdings könnten sie uns schwer verletzen, wenn man nicht aufpasst. Die Burschen standen dicht gedrängt beieinander. Vor ihnen lag der Adler, der noch immer keinen Mucks von sich gab, hinter ihnen stand der große Tisch, auf dem das Halstuch lag.
»Wie kommt dieser Adler nur an Öseblöms Halstuch?«, fragte Dralle.
»Das wüsste ich auch gern«, stimmte Mallewutz mit ein. Kalle hingegen stupste den Adler noch einmal vorsichtig mit seinem Stock in die Seite. Er wollte ihn nicht verletzen. Da schnaufte der Adler und rappelte sich langsam auf. Nun stand er da, groß und mächtig, mit einem gefährlichen Schnabel, den er immer wieder öffnete, ganz so, als wolle er sprechen.
Don Carlos hatte verstanden!
Öseblöms Halstuch lag auf dem Tisch. Deshalb konnten die Burschen ihn nicht verstehen. Wenn doch nur einer von ihnen das Halstuch in die Hände nehmen würde …, aber die Burschen machten keinerlei Anstalten dazu. Also versuchte der Adler sich langsam dem Tisch zu nähern. Doch der größte dieser jungen Burschen hielt ihn mit seinem Stock immer auf Abstand.
Jetzt wurde Don Carlos ärgerlich, aber was sollte er tun. Er musste irgendwie an das Halstuch kommen. Wie er es auch versuchte, der große Bursche verhinderte sehr geschickt mit seinem Stock, dass Don Carlos auch nur in die Nähe des Tuches kam.
Aus Sicht der Burschen aber sah es viel gefährlicher aus. Dieser riesige Adler riss seinen scharfen Schnabel auf und machte dabei auch noch ein paar Schritte auf sie zu. Der kleine Balthasar erstarrte vor Schreck. Von ganzem Herzen wünschte er sich Öseblöm herbei, aber der war einfach nicht da.
Plötzlich hatte er eine Idee!
Balthasar nahm all seinen Mut zusammen und stellte sich vor seine vier Freunde. Die waren ebenso überrascht, wie Don Carlos. Balthasar aber machte einen Schritt auf Don Carlos zu. Der schaute verwundert auf den Kleinen herunter. Mit seinem Horn auf der Stirn wirkte der Adler sogar etwas komisch. Nur das in dieser Situation niemand darüber lachen konnte.
Jetzt folgte Balthasar seiner Eingebung und schloss seine Augen. Don Carlos sah mit großem Staunen, dass dieser kleine Bursche nun mit geschlossenen Augen vor ihm stand. Hatte der Kleine denn keine Angst?
Plötzlich verstand auch Don Carlos! Der kleine Junge wollte mit ihm Kontakt aufnehmen und mit dem Schließen der Augen zeigte er ihm, dass er Vertrauen hatte. Einen Augenblick noch überlegte der Adler, dann schloss auch er seine Augen. Nur kurz, denn der Große mit dem Stock war ja auch noch da. Aber Balthasar hatte gesehen, dass auch der Adler für einen Moment seine Augen geschlossen hatte. Die anderen hatten das auch gesehen und ganz spontan schlossen auch sie ihre Augen.
Don Carlos war ganz verwundert, aber er schloss wieder seine Augen, diesmal deutlich länger, um auch sein Vertrauen zu beweisen, denn ein Vogel, der seine Augen geschlossen hat, ist ungeschützt und verletzlich. Es gibt kaum einen größeren Vertrauensbeweis, wenn man einander nicht kennt.
Balthasar ging ganz langsam und vorsichtig auf den Adler zu. Dabei schloss er immer wieder seine Augen. Don Carlos blieb regungslos sitzen, schloss auch immer wieder seine Augen und ließ den kleinen Burschen immer näher kommen. Jetzt streckte Balthasar vorsichtig seine Hand aus und berührte ganz zärtlich den Bauch dieses mächtigen Greifvogels. Immer wieder zeigte er sein Vertrauen und der Adler ließ es geschehen!
Ein Zauber lag auf dieser Situation, das spürten alle, auch Don Carlos. Niemals zuvor hatte ein Mensch sich ihm auf diese Weise nähern dürfen.
Kalle machte einen Schritt zurück. Der Adler ließ ihn nicht aus den Augen. Dann legte Kalle seinen Stock vorsichtig zur Seite. Don Carlos folgte jeder Bewegung. Dicht vor ihm stand Balthasar, mit geschlossenen Augen, aber im Moment traute er sich nicht den Adler zu streicheln.
Kalle fingerte vorsichtig nach dem Halstuch. Als er es berührte hörte er den Adler sagen: »Endlich, gib mir bitte das Halstuch!« Kalle erschrak und ließ es wieder auf den Tisch fallen.
Hatte der Adler gesprochen. Diesmal machte Don Carlos einen vorsichtigen Schritt in Richtung Tisch, dabei neigte er seinen Kopf nach unten und schloss seine Augen.
Jetzt verstanden die Burschen! Der Adler wollte ihnen nichts Böses, denn das hätte er schon längst tun können. Kalle umfasste wieder das Halstuch. »Willst Du das hier?«, fragte er den Adler.
Jetzt konnte Don Carlos ihn verstehen. »Ja, ich bitte darum«, antwortete er.
»Der Adler kann sprechen!« rief Kalle. – »Näh,« sagte Malle, »oder kann einer von Euch etwas hören?« »Ja natürlich,« widersprach Kalle, »der Adler hat gerade zu mir gesprochen.« – »Und wieso sollte er zu Dir sprechen und nicht zu unserem Balthasar?«, fragte Mallewutz. »Nun gib mir endlich das Halstuch, dann können wir alle miteinander sprechen.« Don Carlos schaute fast flehentlich zu Kalle. »Da, er hat schon wieder gesprochen!«, rief Kalle. »Also ich habe nichts gehört, Du etwa?«, damit wandte Dralle sich an Mallewutz, der nur seinen Kopf schüttelte. Das ging noch eine ganze Weile so. Für heute aber ist es genug, denn jetzt heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«