Bauer Rums
»Ich hoffe, Ihr seid wieder bereit für die nächste Geschichte?«
Dann wollen wir gleich damit fortfahren. Also, heißt es jetzt wie immer, gut zudecken, kuscheln, Augen zu und Ohren auf, denn nun schauen wir uns an, warum die Kuh vom Bauern Rums keine Milch mehr geben will …
»Seit wann könnt Ihr mit Kühen reden?«, fragte Pimpinelle verwundert.
Balthasar grinste etwas verlegen. »Nun ja,« meinte er, »natürlich können wir nicht mit Kühen reden. Aber unser Freund, Vinidi Öseblöm, der kann mit Tieren sprechen. Er versteht jede Sprache dieser Welt.«
Die kleine Pimpi musterte unseren Wanderer mit einem zweifelnden Blick. Sie fand den Fremden zwar irgendwie lustig, aber dass er mit Tieren reden konnte, wollte sie nun wirklich nicht glauben. Doch ein Versuch konnte auch nicht schaden.
»Na gut«, sagte sie schließlich und zuckte ein wenig gleichgültig mit den Schultern. »Dann kommt doch alle mit zu uns. Wir Fragen Papa Rums, was er davon hält.«
Jetzt sprangen auch die anderen Burschen begeistert auf.
»Ja, lasst uns zum Bauern Rums gehen und schauen, warum die Kuh keine Milch mehr geben will«, rief Mallewutz. Die anderen stimmten fröhlich ein und sogleich zogen sie los und folgten dem kleinen rothaarigen Mädchen.
Öseblöm war neugierig auf diesen Bauern und gleichzeitig kam in ihm eine Ahnung auf. Aber er sagte noch nichts und wollte erst einmal, wie alle anderen auch, schauen, was denn da los war.
Der Weg zum Rumshof zog sich etwas in die Länge. Sie kamen an der Schule vorbei, die heute geschlossen war. Schließlich überquerten sie den großen Dorfplatz und bogen in eine schmale Gasse ein, die nach einiger Zeit endete und den Blick freigab auf ein großes Feld. Von dort aus ging es über einen kleinen Feldweg weiter zum Hof von Papa Rums und Pimpinelle.
Als unsere Freunde den Hof erreichten, hörten sie schon von weitem, das flehende Rufen des Bauern: »Was ist denn nur los mit Dir? Milly, wenn Du jetzt keine Milch gibst, bringe ich Dich zum Schlachter.«
Diese Drohung war natürlich nicht ernst gemeint und außerdem glaubte der Bauer auch kaum, dass die Kuh ihn wirklich verstehen würde.
Pimpinelle führte unsere Freunde in den Kuhstall. Dort stand der Bauer Rums vor seiner Kuh und redete unentwegt auf sie ein. Mal freundlich säuselnd, dann wieder kräftig drohend und schimpfend. Aber es änderte nichts. Die Kuh stand da und gab keine Milch. Sie wollte einfach nicht.
»Hallo Papa«, rief Pimpi. »Ich hab hier ein paar Freunde mitgebracht. Die würden gerne mit Milly reden.«
Milly, so hieß die Kuh, die seit Jahren zuverlässig ihre Milch lieferte. Aber seit heute Morgen war Schluss damit. Egal was der Bauer auch anstellte. Milly war nicht zu bewegen, auch nur einen Tropfen ihrer wertvollen Milch abzugeben.
Als Bauer Rums seine Tochter hörte, drehte er sich um und richtete sich auf. Ein großer Mann, mit kräftigen Armen und Händen. Die fünf Burschen begrüßte er mit einem Lächeln, aber sein fragender Blick ruhte auf dem seltsamen Fremden.
Unser Wanderer trat einen Schritt vor und verbeugte sich wieder höflich: »Guten Morgen, Bauer Rums, mein Name ist Vinidi Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm. Ich bin ein Freund dieser liebenswerten fünf Burschen und würde gerne helfen, wenn es mir erlaubt ist.«
Pimpi musste unwillkürlich lachen und hielt sich ihre Hand vor den Mund. Der Bauer aber staunte nur. Noch nie hatte er einen solchen Fremden getroffen, der so gute Manieren an den Tag legte.
»Und was kannst Du, Fremder, das ich nicht könnte?«, wollte er von seinem seltsamen Besucher wissen. – Öseblöm lächelte und antwortete: »Wenn Ihr mir ein Geheimnis verratet, so will ich Euch mein Geheimnis anvertrauen.«
»Mein Geheimnis?«, fragte der Bauer und runzelte die Stirn. »Ich habe kein Geheimnis, junger Mann. Aber wenn Du es so wünschst, dann frag mich, was Du wissen möchtest.« Nun war der Bauer richtig neugierig.
»Ich möchte gerne wissen, wie Ihr zu dem Namen Rums kommt?«, sagte Öseblöm und rieb sich dabei nachdenklich an seinem linken Ohr.
»Ha, haha, ha, haha«, der Bauer brach in schallendes Gelächter aus und die fünf Burschen und Pimpi lachten ebenfalls herzhaft mit. Balthasar prustete »Rums« und lachte und lachte.
»Wenn es weiter nichts ist«, antwortete der Bauer. »Dieses Geheimnis kann ich Dir gerne anvertrauen. Meine Mama hatte mir erzählt, dass ich mit einem Hauruck, also sozusagen mit einem Rums auf die Welt gekommen bin! Und das war es auch schon. Seitdem heiße ich einfach nur Rums. Alle kennen hier die Geschichte, aber das ist wirklich kein Geheimnis. Doch nun bist Du an der Reihe. Was ist Dein Geheimnis, Fremder?«
Öseblöm schaute in die heiteren Gesichter seiner Freunde und grinste: »Ich kann alle Sprachen dieser Welt sprechen, von Menschen, Tieren und Pflanzen. Aber das ist auch kein Geheimnis, jedenfalls nicht für meine Freunde.« – Der Bauer konnte kaum glauben, was er da hörte.
»Das sind aber große Worte, junger Mann«, stellte der Bauer schließlich fest. »Aber es lässt sich ja schnell herausfinden … Dann frag doch einfach unsere Milly, warum sie keine Milch mehr geben will.« Öseblöm ließ sich das nicht zweimal sagen. Er näherte sich behutsam dieser Kuh, streichelte sie sanft im Nacken und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Nach einiger Zeit wandte er sich wieder dem Bauern und seinen Freunden zu. »Und?«, fragte Malle. »Was ist mit der Kuh?« – Öseblöm kratzte sich am Kopf und antwortete: »Wie soll ich es sagen? Eure Kuh ist seit heute ein Rennpferd.« – Jetzt schauten alle verblüfft in die Runde. Für Euch liebe Kinder, ist es aber wieder Zeit, denn jetzt heißt es:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«