Das Zweihorn
»Ich hoffe, Ihr seid schon bereit für die nächste Geschichte!«
Dann lasst uns nicht mehr lange warten. Jetzt heißt es wieder gut zudecken, macht es Euch so richtig gemütlich in Eurem Bett, schließt bitte die Augen und spitzt Eure Ohren, denn jetzt sind wir wieder bei unseren Freunden auf der Veranda der fünf Burschen …
»Was soll denn das heißen, ein Zweihorn, das vom Himmel stieg?«, fragte Amira und wirkte dabei ein wenig ärgerlich. Sie wusste ja, dass die Zeit drängte, wollte man dem Zwerg helfen und da kam ihr jede Verzögerung ungelegen.
»Das weiß ich doch nicht«, entgegnete Pepe. »Ich habe nur gemacht, was Du mir aufgetragen hast, ehrlich. Ich bin zum Nest geflogen vom Adler des hohen Berges, ohne Umwege und ohne mich ablenken zu lassen.«
»Und Du hast Don Carlos angetroffen?«, wollte Amira wissen.
»Ja schon,« antwortete Pepe, »aber Don Carlos war nicht allein.«
»Er war nicht allein?«, fragte Amira und schaute etwas irritiert. »War etwa eine andere Adlerdame bei ihm?«
»Nein«, sagte Pepe. »In seinem Nest saß ein Eichhörnchen.«
»Ein Eichhörnchen?«, fragten jetzt Öseblöm und Amira wie aus einem Munde.
»Doch nicht etwa Betty?«, wollte Öseblöm wissen. »Nun lass Dir nicht immer alles aus der Nase ziehen, sondern erzähl endlich, was passiert ist.«
»Das hab ich doch!«, verteidigte sich Pepe. »Don Carlos lässt sich entschuldigen. Er kommt sofort, aber er muss noch kurz etwas erledigen.«
»Er hat doch nicht Betty gefressen, oder?«, fragte Balthasar voller Sorge. Zwar kannte unser kleiner Bursche dieses mutige Eichkätzchen nicht, aber jemand, der seinen Freund Öseblöm gerettet hat, war in jedem Fall ein Freund!
»Nein, das hat er nicht. Aber er hat das Eichhörnchen auf seine Schultern genommen und ist davon geflogen. Dabei rief er noch etwas von einem Zweihorn, das vom Himmel stieg …«
»Ich habe schon von Einhörnern gehört«, bemerkte Kalle. »Aber von einem Zweihorn … «
»Ich auch nicht«, bestätigte Handan, der noch immer auf dem Boden vor dem Haus saß und zu unseren Freunden herunterschaute, als blicke er in ein Puppenhäuschen.
»Hat Don Carlos nichts gesagt, wie lange das dauern würde?«, fragte Amira, die aus den rätselhaften Beschreibungen ihres Sohnes einfach nicht schlau wurde. »Eigentlich möchte ich noch heute starten und mit der Suche beginnen.«
Öseblöm schaute zum Himmel. Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten und es war Nachmittag geworden. Das würde also eine längere Reise und sie müssten übernachten.
»Dann pack Dir schon einmal ein paar Sachen,« wandte er sich an Kalle, »damit wir gleich starten können. Und nimm Dir etwas zum Übernachten mit.«
Balthasar und Mallewutz sprangen sofort auf und riefen: »Wir helfen Dir.«
Öseblöm selbst stand ebenfalls auf und ging in sein Zimmer, um auch für die Reise zu packen. »Das könnte tatsächlich ein längeres Abenteuer werden«, dachte er sich.
»Lavida kann in meinem Bett schlafen«, schlug Malle vor. »Ich werde heute Nacht bei Dralle bleiben.«
Natürlich hätte Lavida auch Öseblöms Zimmer nehmen können oder Kalles. Aber Malle wollte in dieser Nacht einfach nicht alleine sein. Es war das erste Mal, dass unsere fünf Burschen überhaupt getrennt wurden, und das bekümmerte ihn sehr.
Lavida nahm die Einladung gerne an und lächelte. Dann zeigte Malle ihr sein Zimmer. Am Horizont waren bereits die mächtigen Schwingen des Adlers vom hohen Berg zu sehen. Plötzlich kam Kalle aus seinem Zimmer gestürmt, sprang mit einem Satz die Veranda herunter und verschwand in Windeseile ums Eck. »Ich hab was vergessen«, rief er noch und war dann nicht mehr gesehen.
In der Zwischenzeit war Don Carlos so nah herangekommen, dass ihn auch die Freunde auf der Veranda bemerkten. Die Reisevorbereitungen liefen auf vollen Touren. Die einen bereiteten das Zimmer für Lavida vor, die anderen stellten den Proviant für die Reise zusammen. Für zwei Tage sollte es reichen. Länger wollten sie nicht unterwegs sein.
Als nun alle Vorbereitungen getroffen waren, setzte Don Carlos gerade zur Landung an. Mit einem lauten: »Hallo allerseits«, landete er genau neben Pepe auf dem Verandazaun. Sein Kopf war ein wenig zerzaust und seine zwei Beulen leuchteten in prächtigen Regenbogenfarben.
»Das Zweihorn!«, sagte Amira erstaunt, als sie die beiden Beulen des Adlers vom hohen Berg erblickte. Sie schienen deutlich gewachsen zu sein.
»Genauso ist es«, erklärte Don Carlos. »Ich darf mich kurz vorstellen?« Der Adler vom hohen Berg verneigte sich tief, so als wolle er einem König Respekt erweisen. »Don Carlos, Adler vom hohen Berg, ich bin das Zweihorn, das vom Himmel stieg …«
Alle lachten laut, doch jetzt wartete jeder mit fragendem Blick auf eine Erklärung. »Klär uns auf«, bat Öseblöm darum, das Rätsel zu lösen. »Nun ja«, begann Don Carlos. »Ich habe als Erstes die kleine Betty gesucht. Schließlich wollte ich mich bei ihr entschuldigen. Und als ich sie endlich gefunden hatte, und in ihrem Wald zur Landung ansetzte, versammelten sich viele Eichhörnchen und mich herum und verbeugten sich feierlich. Früher wäre das ein großes Fressen für mich gewesen, aber jetzt …« – »Wo ist denn nur Kalle?«, fragte plötzlich Balthasar und unterbrach damit Don Carlos in seiner Erzählung. In diesem Augenblick fiel allen auf, dass Kalle verschwunden war …
Aber jetzt ist es schon spät. Für Euch wird es Zeit für das Traumland. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«