… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Eine unruhige Nacht

»Und wieder einmal ist es soweit, ich hoffe nur, Ihr seid bereit …«

Dann wollen wir gleich weiter machen, mit der nächsten Geschichte. Aber zuerst müsst Ihr Euch gut zudecken, macht es Euch wieder so richtig gemütlich. Schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn jetzt geht gerade die Sonne unter für Kalle und seinen riesigen Begleiter …

Die kleine, weiße Wolke ward nicht mehr gesehen. Weit und breit nur unberührter blauer Himmel, der sich zusehends in tief dunkles Blau verfärbte. Unsere beiden Abenteurer brauchten einen Augenblick, um richtig zu begreifen, dass Ihr Begleiter, Don Carlos, verschwunden war.

Der Adler vom hohen Berg sollte ihnen eigentlich den Weg zeigen, doch nun waren Kalle und Handan auf sich allein gestellt.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Kalle. In seiner Stimme schwang schon erste Verzweiflung mit. Schließlich hatte dieser Bursche noch nie sein Dorf verlassen und er konnte sich nicht erinnern, sich schon einmal so allein gefühlt zu haben.

»Wir werden hier übernachten«, stellte der Riese von Wurzelbruck fest. »Hier draußen wird es schnell dunkel. Da macht es keinen Sinn, noch einen Schritt weiter zu gehen. Außerdem ist das viel zu gefährlich.«

»Genau«, stimmte Kalle seinem Begleiter zu. »Wir könnten von einem wilden Tier gefressen werden.«

»Das wohl eher nicht«, widersprach Handan. »Nicht nur Menschen haben Angst vor mir. Das gilt auch für wilde Tiere, die meisten zumindest.«

»Und warum wäre es dann gefährlich für uns?«, wollte Kalle wissen.

»Ganz einfach«, erklärte Handan. »Wenn ich nicht sehe, wohin wir gehen, könnte ich über einen Ast oder auch Stein stolpern. Möglicherweise bleibe ich auch in einer Furche hängen. Dann würden wir uns verletzen.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Nicht sehr spaßig, keine gute Idee.«

Kalle saß noch immer auf der Schulter des Riesen und schaute sich um. Von hier oben konnte er weit in die Ebene blicken. Aber weit und breit war nichts zu sehen. Kein Adler, kein Tier, keine Schafherde. Ein paar Felsen lagen wahllos verteilt in der Landschaft herum, so als hätte ein Riese damit Weitwurf geübt. Neben vielen wilden Gräsern und hier und da einem Gebüsch war dies eine sehr verlassene und einsame Gegend.

»Und wie übernachten wir jetzt hier?«, fragte Kalle, der sich nach seinem warmen Bett sehnte.

Handan grinste, denn er hatte schon oft im Freien übernachtet.

»Da vorn ist ein schönes Plätzchen«, sagte er und deutete auf einen kleinen Felsen. Na ja, der Felsen war für Handan ein kleiner Felsen, also größer als eine Puppenstube, aber unser Bursche fand den Felsen bereits recht groß.

Nun denn, der Riese setzte sich wieder in Bewegung und nach ein paar Augenblicken hatten sie den Felsen erreicht. Hier ließ sich Handan nieder und lehnte sich mit seinem Rücken an den Felsen.

Jetzt kletterte Kalle am Riesen entlang wieder nach unten. Er war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Die Sonne stand schon tief am Horizont. Nicht mehr lange und es würde stockdunkel sein. Die ersten Sterne zogen bereits auf.

»Und wie stellst Du Dir das jetzt vor?«, fragte Kalle den Riesen. »Sollen wir jetzt hier im Stehen oder Sitzen schlafen? Ich habe kein Zelt dabei. Außerdem wäre kein Zelt, das ich kenne, groß genug für Dich. Hätte ich das nur vorher gewusst, dann hätte ich viel mehr mitgenommen. So sind wir überhaupt nicht vorbereitet.«

Kalle redete sich seine Aufregung von der Seele.

»Komm her, mein Freund«, lud ihn Handan ein, hob seinen rechten Arm und machte seine Jacke weit auf. Hier unter meiner Jacke findest Du Schutz. Außerdem hat mir Lavida verraten, dass es dort auch ganz gemütlich warm sei …«

Unser Bursche schaute verblüfft auf die riesige Jacke des Riesen. Da fand sich tatsächlich mehr Platz, als in jedem Zelt.

»Ich werde heute Nacht Wache halten«, erklärte Handan.

»Ruh‘ Dich nur aus und hab keine Angst, ich passe schon auf uns auf.«

Handans tiefe Stimme beruhigte unseren Burschen. Mittlerweile war die Sonne am Horizont verschwunden und der Sternenhimmel schimmerte über unseren Abenteuerern, die beide tief in Gedanken versunken an einem einsamen Felsen die Nacht in der Wildnis verbrachten.

Handan dachte an seinen Freund, den Zwerg. Kalle hingegen sehnte sich nach seinem Bett und seinen Freunden. Plötzlich ein Rascheln – ganz in der Nähe. Handan spitzte seine Ohren und lauschte in die Dunkelheit hinein.

Kalle erschrak: »Was war das?«

»Psst«, machte der Riese und gebot seinen Freund still zu sein. Wieder ein Rascheln. Irgendetwas näherte sich. Aus der Ferne erklang das schreckliche Heulen eines Wolfs. Unserem Kalle wurde es unheimlich.

»Wie soll ich dabei schlafen?«, flüsterte er. – »Psst«, machte wieder der Riese. »Ich kann zwar gerade nichts sehen, aber ich kann gut hören. Also bleib leise. Ich passe schon auf.« Kalle verkroch sich noch mehr unter der Jacke des Riesen. Immer wieder raschelte es in der Nacht. Und das Rascheln kam langsam näher.

Für Euch liebe Kinder ist es jetzt aber Zeit, denn das Traumland wartet wieder auf Euch. Darum heißt es nun, wie jeden Abend:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«