Ein und Aus
»Ich hoffe sehr, Ihr seid bereit?«
Dann lasst uns jetzt gemeinsam anschauen, was Öseblöm und Amira in Erfahrung bringen konnten. Macht es Euch wieder richtig gemütlich in Eurem Bett. Schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn jetzt tauchen wir ein in den Zauberwald …
Unser Wanderer hatte es eilig.
»Nicht so schnell, mein Freund!«, rief Amira, die sichtlich Probleme dabei hatte, ihrem Freund zu folgen. Nun ja, normalerweise watschelt ein Adler auch nicht am Boden entlang, sondern benutzt seine mächtigen Flügel. Hier, in diesem Wald aber, war genau das sehr schwierig. Die großen Bäume standen dicht beieinander und hohe Sträucher wuchsen eng neben undurchdringlichem Gebüsch. All das machte es unserer Amira nicht leicht, zu fliegen.
Öseblöm wartete einen Moment.
»Entschuldige Amira«, sagte er. »Aber Du spürst wohl auch, dass wir uns beeilen müssen. Der Zwerg scheint in einem Berg gefangen zu sein. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, in welchem Berg …«
Amira war schon ganz außer Atem. Diese Gangart war einfach nichts für eine Adlerdame.
»Es gibt viele Berge hier und viele Höhlen«, sagte Amira. »Da können wir genauso gut eine Stecknadel in einem Heuhaufen suchen. Und die ist vermutlich leichter zu finden.«
»Karun wird uns helfen«, sagte Öseblöm und ging wieder weiter voran.
»Wenn Du es sagst …«, murrte Amira, die ihre Zweifel nur schwerlich verbergen konnte.
Nach einiger Zeit erreichten unsere beiden Helden schließlich den Eingang zum Zauberwald … oder dessen Ausgang. Je nachdem, von wo aus man das Ganze betrachtete.
Dort stand er, der majestätische Baum, größer als alle anderen …, aber wo war der Zauber in diesem Baum?
»Karun?«, fragte Öseblöm leise.
Amira stand schweigend hinter ihrem Freund. In ihren Augen war es einfach nur ein Baum, groß, ja, aber ansonsten ein einfacher Baum. Nicht mehr und nicht weniger.
Natürlich hatte Amira nicht ihr gemeinsames Erlebnis mit Karun vergessen. Wie könnte sie?! Aber hier war Karun nicht, das hatte sie von Anfang an gespürt.
Unser Öseblöm jedoch gab nicht auf! Er trat an den Baum heran und berührte mit seiner Hand den mächtigen Stamm.
»Karun …, bist Du da?«, wieder flüsterte er.
Plötzlich regte sich der Baum und auf seinem Stamm erschien wieder ein freundliches Gesicht. Allerdings sah dieses Gesicht völlig anders aus, als bei ihrer letzten Begegnung …
»Hallo, mein Freund«, begrüßte der Baum mit sonorer Stimme unsere Freunde. »Ich bin nicht der HERR DES WALDES, falls Du das meinst.«
»Ich muss dringend Karun sprechen, es ist wichtig«, erklärte Öseblöm.
»Natürlich«, antwortete der Baum. »Alles ist wichtig, wie immer. Zu allen Zeiten war alles wichtig. Der Wind hat es immer eilig, die Sonne …«
»Bitte«, unterbrach Öseblöm den Baum. »Ein Freund von uns ist in Gefahr. Wir wollen ihm helfen. Er ist ein Zwerg und steckt in einem Berg.«
Der Baum schwieg für einen Moment. Dabei schien es, als würde er Rücksprache nehmen, mit etwas Unsichtbarem …
»Es ist wohl ein sehr großer Zwerg, von dem Ihr da redet«, meinte er plötzlich.
»Nein«, entgegnete Öseblöm. »Er ist ein ganz gewöhnlicher kleiner Zwerg. Wäre er größer, dann wäre er kein Zwerg mehr, nicht wahr?«
»Der einzige Zwerg, der im Moment in einem Berg steckt, ist größer als ich selbst«, antwortete der Baum. »Ich würde ja Riese zu so etwas sagen, aber wenn er für Euch ein Zwerg ist, soll es mir recht sein.«
»„Oh je!«, rief Amira. »Handan, er spricht bestimmt von Handan …!«
»Woher weißt Du das?«, fragte nun Öseblöm. »Und wo bitte kann ich Karun finden. Ich muss ihn unbedingt sprechen.«
Jetzt lächelte der Baum.
»Hier gehen viele ein und aus. Daher hören wir so manches und wissen von vielen Dingen und Ereignissen. Tiere und Menschen berichten von den Geschehnissen in der Welt. Und vergiss nicht, wir verstehen das große Flüstern, mein Freund …«
»„Aber wo bitte ist Karun, der HERR DES WALDES?«, fragte unser Wanderer, dem seine Enttäuschung sichtlich ins Gesicht geschrieben stand. – »Auch Karun kann hier ein und ausgehen, wie es ihm beliebt. Er ist mittlerweile weit mehr als ein Baum. Du kannst ihm überall begegnen, in jedem Baum, in jedem Strauch, ja sogar in Deinem Herzen … Aber noch ist es nicht soweit. Ich soll Euch übrigens grüßen.« Damit verschwand das Gesicht und unsere Freunde waren wieder allein. – »Lass uns zur Schafherde fliegen«, schlug Amira vor. »Vielleicht erfahren wir da mehr. Handan müsste eigentlich dort sein und auf uns warten …, aber er scheint ja in einem Berg zu stecken.«
Ihr liebe Kinder solltet jetzt unter Eurer Decke stecken, denn das Traumland wartet wieder auf Euch. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«