Dalin
»Ich hoffe, Ihr konntet letzte Nacht gut schlafen …«
Guter Schlaf ist einfach wichtig für uns. Aber bevor wir einschlafen, wollen wir uns noch anschauen, wie es um unsere Abenteurer bestellt war. Also, seid Ihr bereit? Dann heißt es jetzt »Augen zu und Ohren auf«, denn wir werfen nun einen Blick zu unseren Freunden, die gerade aus der schwarzen Tiefe befreit worden sind …
Kaum hatten unsere Abenteurer wieder sicheren Boden unter ihren Füßen, sprang die kleine Betty auch schon auf Öseblöm zu und kletterte auf seine Schulter.
»Was war das?«, fragte sie.
»Das wüsste ich allerdings auch gerne«, stimmte Don Carlos mit ein. Er konnte immer noch nicht glauben, was er gerade gesehen hatte.
»Das war die Hilfe eines guten Freundes«, erklärte Öseblöm.
»Ein sehr guter Freund«, sagte Kalle.
»Ein überaus sehr sehr guter Freund«, fügte der Riese von Wurzelbruck hinzu.
»Ist schon gut, wir haben verstanden«, murrte Amira und schien ein wenig gekränkt zu sein. Da blitzte plötzlich ein kleiner Lichtpunkt in der Dämmerung der untergehenden Abendsonne auf, tanzte vor Amiras Gesicht fröhlich auf und nieder, flog zu ihrem Nacken und begann doch tatsächlich ganz zärtlich den Nacken der Adlerdame zu kraulen.
Wohlige Schauer liefen Amira über den Rücken.
»Ja, ich hab verstanden«, rief sie. »Ein superguter sehr guter Freund!«
Die Freunde lachten kurz, dann wandte sich Öseblöm dem Zwerg zu. Er hatte größere Verletzungen davon getragen.
»Ich konnte ihn nicht halten«, entschuldigte sich der knochige Baum. »Seit vielen hundert Jahren schon rette ich Menschen und Tiere, die von der Tiefe verschluckt wurden. Immer habe ich sie mit meinen Wurzeln wieder nach oben ziehen können. Aber jetzt bin ich alt geworden. Meine Kraft geht zu Ende und bald werde ich selbst in diese Tiefe stürzen.«
Öseblöm blickte kurz zu dem Baum.
»Du musst Dir keine Vorwürfe machen, lieber Baum. Wie ist denn Dein Name?«
»Dalin«, antwortete der Baum. »Der Zwerg heißt Dalin.«
»Nein, ich meinte nicht den Zwerg«, erwiderte Öseblöm. »Ich fragte nach DEINEM Namen.«
Der Baum schien für einen Moment nachzudenken. Er versuchte, sich zu erinnern. Dann schüttelte er den Kopf. Genaugenommen bewegte sich das Gesicht auf dem Baumstamm so, als würde er seinen Kopf schütteln.
»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte er. »Ich glaube, ich habe keinen Namen. Das passt aber ganz gut, denn das schwarze Nichts hat auch keinen Namen.«
Nun standen alle Freunde um den Zwerg herum, der immer noch bewusstlos auf dem Boden lag. Kalle kniete neben Dalin und betrachtete vorsichtig dessen Verletzungen.
»Wir brauchen einen Arzt oder einen Heiler«, stellte der junge Bursche fest.
»Hier draußen in der Wildnis?«, fragte Handan. »Das dürfte schwierig werden.«
Die kleine Betty sprang mit einem Satz auf den Boden und huschte zum schwer verletzten Zwerg herüber.
»Oooch«, sagte sie und warf einen erwartungsvollen Blick zu unserem Wanderer herüber. »Das scheint doch gar nicht so schlimm zu sein. Öseblöm könnte doch …«
»… alles für die Nacht vorbereiten«, unterbrach Öseblöm den Satz. Betty schaute verblüfft zu unserem Helden herüber. Doch Öseblöm gab ihr mit einem leisen Kopfschütteln zu verstehen, dass sie besser schweigen solle.
»Seine Verletzungen sind schwer«, sagte der Baum. »Dalin braucht Hilfe. Die Einzigen, die ich kenne, die ihm noch helfen könnten, sind die Lichtwesen unter dem hohen Berg.«
»Du scheinst viel von der Welt zu wissen«, bemerkte Öseblöm. »Bei all dem Trubel hier habe ich völlig vergessen, mich vorzustellen.«
»Dein Name ist Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm. Ich weiß, mein Freund. Dein Ruf eilt Dir weit voraus und ich freue mich wirklich, endlich einmal Deine Bekanntschaft zu machen«, sagte der Baum und ein tiefgründiges Lächeln wurde auf dem knochigen Stamm sichtbar.
»Ah.« Dalin stöhnte kurz auf vor Schmerz. Aber seine Augen blieben geschlossen und er regte sich nicht weiter.
»Ihr solltet die Nacht hier verbringen«, schlug der Baum vor. »In der Nacht ist die Wildnis gefährlich.«
Kalle hatte schon begonnen, das Nachtlager zu bereiten. Die beiden Adler schauten sich um. Ihnen behagte es nicht, die Nacht am Boden zu verbringen. – »Ihr dürft gerne zu mir heraufkommen«, sagte der Baum und lud Don Carlos und Amira ein, auf seinen Ästen Platz zu nehmen. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Mittlerweile stand die Sonne tief am Horizont. Handan hatte es sich neben dem Baum gemütlich gemacht. Betty, Kalle und Öseblöm saßen neben Dalin und hielten Wache. Als die Abenddämmerung schließlich den Sternenhimmel preisgab, wurde die schimmernde Silhouette Kasrans sichtbar, der lächelnd neben dem knochigen Baum stand.
Hier und jetzt, liebe Kinder, wartet das Traumland auf Euch. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«