Die erleuchtete Nacht
»Es ist soweit, seid Ihr bereit?«
Habt Ihr wirklich alle Vorkehrungen für die Nacht getroffen? Dann lasst uns sogleich aufs Neue eintauchen in die Welt unserer Freunde, die wir schon so lange nun begleiten. Also bitte wieder gut kuscheln, Augen schließen und aufmerksam lauschen, damit wir auch ja nichts verpassen. Unsere Abenteurer mussten nun die Nacht direkt neben der schwarzen Tiefe verbringen …
Der Sternenhimmel glitzerte in voller Pracht über der Weite des Landes. Kalle hatte mittlerweile ein kleines Lagerfeuer entzündet. Kleine Funken stiegen auf in den dunklen Nachthimmel, begleitet vom Knacken und Knistern der Holzscheite.
Der Riese Handan hatte sich etwas abseits zur Ruhe gelegt. Sie würden morgen eine anstrengende Reise vor sich haben. Amira und Don Carlos saßen dicht beieinander auf einem der knochigen Äste. Ihre Köpfe hatten sie nach hinten gedreht und in ihrem Federkleid vergraben.
Herr Öseblöm saß neben Dalin und legte seine Hand vorsichtig auf dessen Wunden, aber er konnte nur den Schmerz etwas lindern.
»Kannst Du unserem Freund nicht helfen?«, fragte Betty den Wanderer.
»Leider nein, liebe Betty«, flüsterte Öseblöm. »Auch mir sind Grenzen gesetzt.«
Je dunkler es wurde, desto stärker erstrahlte das Antlitz des geheimnisvollen Lichtwesens. Kasran stand noch immer an den Baum gelehnt und lächelte. Dann trat er an Dalin heran und untersuchte die schweren Verletzungen.
»Er muss sofort zum Lichtvolk«, sagte er.
»Kannst Du ihm nicht gleich hier helfen?«, fragte Betty, die keinerlei Scheu oder gar Angst verspürte. Ganz im Gegenteil, auf sehr seltsame Art kam ihr Kasran irgendwie bekannt vor, so als würde sie ihn schon ewig kennen.
»Nein«, summte das Lichtwesen und in seiner Stimme schwang tiefes Bedauern.
»Aber wir können doch nicht in der Nacht reisen«, warf Kalle ein. »Wir werden gleich morgen früh, bei Sonnenaufgang, aufbrechen. Handan wird den kleinen Zwerg sicher schnell zum hohen Berg bringen können.«
Kasran überlegte kurz.
»Dann wird es zu spät sein«, sagte er.
Unser Öseblöm dachte nach und suchte nach einer Lösung. Die Adler konnten auf keinen Fall bei Nacht fliegen. Der Riese würde trotz hervorragender Wanderstiefel über den kleinsten Busch stolpern können. Es war wirklich gefährlich. Sie wären für wilde Tiere ein willkommenes Fressen …
Kasran legte seine in allen Farben schillernde Hand auf Öseblöms Schulter. Plötzlich verstand unser Wanderer.
»Ich werde Dalin tragen«, summte Kasran und die Luft vibrierte bei diesen Worten.
Der knochige Baum hatte stillschweigend das Gespräch verfolgt. Ein paar Tränen rannen seinen Stamm herunter. Kaum dass er richtige Freunde gefunden hatte, musste er sich gleich wieder verabschieden. Und dies würde wohl ein Abschied für immer sein. Er fühlte, wie seine Kräfte schwanden.
Öseblöm und Kasran bemerkten die Tränen zur gleichen Zeit. Sie standen auf und wandten sich dem knochigen alten Baum zu, der nicht einmal einen Namen hatte.
Kasran leuchtete und glitzerte in allen Farben. Sein Licht strahlte weit in die Nacht hinaus.
»Ich kann zwar dem Zwerg hier nicht helfen«, sagte er. »Aber Dir lieber Baum, Dir kann ich helfen, falls Du es erlaubst?«
Der Baum konnte nun seine Tränen überhaupt nicht mehr zurückhalten.
»Wie willst Du mir helfen?«, jammerte er. »Mir kann niemand helfen!«
»Darf ich?«, fragte Kasran mit der Stimme eines kräftigen jungen Mannes. Das Lichtwesen ließ keinen Zweifel daran, dass es nicht noch einmal fragen würde.
Der Baum musste eine Entscheidung treffen: jetzt oder nie.
»Gerne, natürlich, ja, falls Du wirklich kannst …«, schluchzte der Baum.
Öseblöm berührte den dicken knochigen Stamm mit seiner Hand. Sofort beruhigte sich dieses uralte Geschöpf. Das Lichtwesen jedoch trat nun noch einen Schritt näher und berührte den Baum mit beiden Händen. Sein Licht wurde immer intensiver, heller, leuchtender. Kasran löste sich auf in einem Lichtermeer aus Millionen von kleinen Lichtpunkten, die den Baum umströmten, ihn berührten, durchdrangen und ihn mit Licht erfüllten.
Die beiden Adler schraken auf und flogen instinktiv herunter auf den Boden. Sie suchten Kalles Nähe, der noch immer neben Dalin saß und das faszinierende Schauspiel beobachtete.
Plötzlich strahlte der ganze Baum bis in die kleinsten Äste voller glitzerndem Licht, so hell, dass die Nacht zum Tage wurde.
Dann bildete sich abermals eine große Lichtwolke. Sie hob den verletzten Zwerg in die Höhe. – »Wir sehen uns morgen Abend«, summte die Lichtwolke. »Kommt zur Höhle.« – Damit hob sie sich in die Höhe und entschwand mit dem Zwerg zum Sternenhimmel. Wie ein gewaltiger Blitz raste sie mit Dalin über das Land und erreichte im Bruchteil einer einzigen Sekunde den hohen Berg …
Und Ihr – liebe Kinder … Das Traumland ist auch nur noch ein Augenzwinkern von Euch entfernt. Darum heißt es jetzt:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«