Heilendes Licht
»Ich hoffe doch, Ihr seid bereit?«
Denn jetzt liebe Kinder ist es soweit. Wir wollen doch unsere Freunde auf ihrem Heimweg begleiten. Daher huscht schnell wieder in Euer Bett, kuschelt so richtig gemütlich, schließt bitte Eure Augen und spitzt die Ohren, damit wir sogleich mit der Gutenachtgeschichte beginnen können …
Die Abenteurer waren schon eine ganze Weile unterwegs. Der Rückweg dauerte diesmal länger, denn der Riese von Wurzelbruck ging es etwas gemächlicher an. Das war unserem Kalle ganz recht.
»Danke«, sagte er plötzlich zu Handan.
»Wofür, mein Freund?«, fragte der Riese zurück.
»Dass wir jetzt ein wenig langsamer gehen«, erklärte Kalle. »So kann ich mich leichter festhalten. Auf dem Hinweg wäre ich fast heruntergefallen …«
»Ja, da hatten wir es auch eilig«, antwortete Handan. »Aber nun ist der Zwerg in Sicherheit. Und Kasran hat selbst gesagt, wir sehen uns heute Abend …«
Amira und Don Carlos flogen in nicht allzu großer Höhe. Dabei ließen sie ihre beiden Freunde am Boden nicht aus den Augen. Öseblöm genoss den Heimflug und die kleine Betty freute sich schon riesig, endlich die jungen Burschen kennzulernen, von denen Don Carlos schon so viel berichtet hatte.
Gegen Mittag hielten die sechs Abenteurer eine kurze Rast nahe an einem kleinen Weiher. Das Eichhörnchen sprang mit einem Satz auf den Boden und huschte erneut zu »Ihrem Helden« auf die Schulter.
»Bekomme ich auch ein Halstuch von Dir?«, fragte Betty mit großen bittenden Augen.
Öseblöm war ein bisschen verblüfft.
»Wozu möchtest Du von mir ein Halstuch?«, fragte er.
»Na ja«, erklärte Betty. »Damit ich mich auch mal ungestört mit den jungen Burschen unterhalten kann. Auch wenn Du mal nicht dabei bist.«
Der Wanderer lächelte und sagte: »Nun lass uns erst einmal nach Hause kommen. Dann werden wir sehen.«
»Heißt das JA?« Die kleine Betty konnte sehr hartnäckig sein.
»Das heißt, dass wir erst einmal nach Hause kommen müssen«, antwortete Öseblöm geduldig und fügte hinzu: »Wenn ich all meine Sachen verschenken würde, dann müsste ich ja ganz nackt wandern. Die Idee finde ich nicht so gut.«
Betty überlegte.
»Aber …«
»… ein Halstuch von Öseblöm wäre viel zu groß für Dich«, mischte sich jetzt Don Carlos ein. »Darin könnte man Dich eher einpacken, als es Dir um den Hals zu binden.«
»Lasst uns jetzt weiter«, schlug Kalle vor. Es war wieder der junge Bursche, der sich als echter Abenteurer bewährte. Unser Öseblöm bemerkte dies mit einem leisen Lächeln.
Es war genau, wie Kasran es gesagt hatte. Gegen Abend erreichten sie den hohen Berg. Die Sonne tauchte das Land in ihr warm goldenes Abendlicht und unsere Freunde standen vor der massiven Felswand, die nicht den geringsten Hinweis auf einen verborgenen Eingang erkennen ließ.
»Und wie kommt Ihr da hinein?«, fragte Amira, die keinen Zweifel daran aufkommen lassen wollte, dass sie auf keinen Fall in diese Höhle gehen würde.
»Das würde ich auch gerne wissen«, stimmte Don Carlos mit ein, der auch keine Lust verspürte, durch diese Höhle zu watscheln. Fliegen würde man ja wohl nicht können.
Herr Öseblöm jedoch trat auf die Felswand zu und verneigte sich tief und höflich.
Dann sagte er: »Wir sind Freunde und bitten das Lichtvolk um Einlass.«
Kaum dass er ausgesprochen hatte, begann der Fels zu funkeln. Es wurde heller und strahlender, bis schließlich das Lichttor seine Pforten öffnete und den Weg ins Innere der Höhle freigab.
Vor unseren Freunden nahm Kasran wieder sichtbare Gestalt an.
»Kommt herein, meine Freunde«, summte er. »Wir haben schon auf Euch gewartet. Dalin geht es bereits erheblich besser. Er ist noch etwas schwach, aber wir kamen rechtzeitig.«
Die Freunde betraten die Höhle, bis auf Don Carlos und Amira.
»Wir sehen uns dann auf der anderen Seite der Höhle«, sagte Amira und wollte sich schon abwenden, da tauchten wie aus dem Nichts unzählige kleine Lichtpunkte auf. In einer dichten Wolke umtanzten sie die beiden Adler.
»Nein, wartet«, summte Kasran. »Ihr seid auch eingeladen.«
Don Carlos versuchte gar nicht, sich zu wehren. Nur Amira war noch etwas eigensinnig. Aber die Lichtwolke trug unbeirrt unsere Adler ganz sanft in die Höhle hinein. So wie in der letzten Nacht der Baum, wurden jetzt Don Carlos und Amira vom glitzernden Licht umspült und durchdrungen.
»Die Hörner!«, rief Betty, die auf Öseblöms Schulter saß und das Schauspiel mit großem Staunen betrachtete. »Die Hörner sind weg!« – Tatsächlich waren die zwei Beulen auf Don Carlos Stirn verschwunden. Nun kam das Licht zu unserem Kalle. Der hatte bislang kein Wort über seine schmerzhaften Prellungen und blauen Flecke verloren. Das Licht schien sich um seine Verletzungen zu kümmern und bereits nach wenigen Augenblicken waren seine Schmerzen verschwunden …
Das Traumland ist aber nicht verschwunden, sondern wartet nun auf Euch. Darum heißt es jetzt:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«