Eilige Durchreise
»Seid Ihr schon bereit für die nächste Geschichte?«
Dann können wir sogleich beginnen. Unsere Abenteurer warten schon auf Euch. Also begebt Euch sofort ins Bett und deckt Euch gut zu. Dann schließt bitte wieder die Augen und spitzt Eure Ohren, denn unsere Freunde müssen jetzt dringend nach Hause …
»Folgt mir«, sagte Kasran und schritt voraus, quer durch die geheimnisvolle Lichterstadt. Unsere Freunde folgten ihm, bis auf Don Carlos und Amira.
»Ein Adler ist nicht zum Laufen geboren«, beschwerte sich Amira.
»Genau«, stimmte Don Carlos zu.
Kasran drehte sich um und fragte: »Ist Euch unsere Welt nicht groß genug zum Fliegen?«
Die Adlerdame schaute sich um.
»Doch schon«, antwortete sie. »Aber ich bin so ein Gedränge in der Luft nicht gewöhnt.«
»Wir stören Dich nicht«, sagte Kasran und fügte beruhigend hinzu: »Keine Sorge, Du kannst uns nicht verletzen. Also kommt jetzt, Ihr habt es eilig!«
Don Carlos spreizte seine Flügel und testete ein paar Flügelschläge, dann hob er ab. Umgeben von unzähligen Lichterpunkten, die sanft seiner Bewegung folgten, sah er aus, als würde er auf einer Lichtwelle reiten.
»Amira!«, rief Öseblöm. »Du hast doch gehört, wir haben es eilig.«
Jetzt bewegte sich auch die Adlerdame und folgte ihren Freunden. Unsere Abenteurer kamen deutlich schneller voran, als Handan und Kalle noch auf dem Hinweg. Auch musste der Riese nicht mehr auf allen Vieren kriechen. Er konnte aufrecht gehen, ja, sogar Kalle fand Platz auf seiner Schulter.
Die kleine Betty hatte es sich bei Öseblöm gemütlich gemacht und der konnte mit seinen Wanderstiefeln leicht mithalten. So kam die ungleiche Truppe zügig voran.
Plötzlich blieb Kasran stehen und drehte sich um.
»Kommt zu mir, meine Freunde«, sagte er. »Auch Amira und Don Carlos bitte. Ich möchte nicht, dass Ihr Euch verletzt.«
Die beiden Adler landeten dicht bei ihren Freunden. Dann wurde es dunkel. Mit einem Schlag fanden sie sich in der ihnen vertrauten Höhle wieder, genau an dem Eingang, der von einem dichten Gebüsch bewacht wurde.
Der riesige Busch gab sogleich den Weg frei und ließ das Sonnenlicht der gerade aufgehenden Sonne in den Eingangsbereich hineinströmen. Kasran lächelte und wurde für unsere Abenteurer langsam unsichtbar.
»Wir sehen uns bald wieder«, sagte er noch. Dann war er verschwunden.
»Und wir sollten uns beeilen«, sagte Kalle, der unbedingt wissen wollte, was daheim Schreckliches passiert war.
»Du hast recht«, sagte Öseblöm, kletterte erneut auf den Rücken von Amira und war startklar.
»Nicht zwei!«, rief Amira. »Bitte immer nur einer.«
Das kleine Eichhörnchen hatte sofort verstanden. Ganz geschwind huschte Betty herunter, sprang mit wenigen Sätzen zu Don Carlos herüber und nahm dort wieder ihren gewohnten Platz ein.
»Dann kann es losgehen!«, rief Handan und startete in Richtung Schafherde. Dabei folgte er seinen deutlichen Spuren.
Amira und Don Carlos folgten ihm in nicht allzu großer Höhe. Der Riese erhöhte jetzt das Tempo, denn auch er machte sich große Sorgen um Lavida und die Burschen. Der Donner seiner mächtigen Schritte eilte ihm wie immer voraus.
Dennoch dauerte es bis zur Mittagsstunde, bis unsere Freunde schließlich auf die Schafherde trafen. Na ja, genau genommen trafen unsere Gefährten nur auf Marie, als sie den Weideplatz erreichten. Die anderen Schafe hatten sich von Neuem in Sicherheit gebracht und schauten aus ihren Verstecken zu, was für ein Sturm da über sie hereinbrechen wollte.
Erst als sich der erste Staub gelegt hatte und klar war, dass es sich um Freunde handelte, kamen sie nach und nach aus ihren Verstecken hervor.
Auch Erik, der alte Bock, ging langsam auf die Besucher zu, um sie zu begrüßen.
»Viel zu langsam«, dachte Kalle, der innerlich wie auf glühenden Kohlen saß.
»Und?«, fragte Erik. »Habt Ihr den Eingang zur Höhle gefunden?«
Offenbar kam er noch nicht dazu, über Maries Berichte nachzudenken und sie zu verarbeiten, denn diesmal fügte er so schnell hinzu, wie er nur konnte: »Dann war Eure überstürzte Abreise vergeblich. Ohne Licht kommt man nämlich nicht weit.«
»Habt Ihr den Zwerg finden können?«, wollte Marie wissen.
Öseblöm nickte nur und sagte: »Unser Freund ist in Sicherheit, aber wir müssen schnell weiter, denn wir werden zuhause dringend gebraucht.«
Damit erhoben sie sich und setzten ihre Reise fort. Marie schaute ihnen noch lange nach. Erik hingegen hatte noch gar nicht wirklich verstanden … – »Werden sie rechtzeitig daheim ankommen?«, seufzte Marie. – »Nein«, sagte Erik. »Sie sind zu schnell. Sie werden an ihrem Haus vorbeilaufen …«
Ich hoffe, Ihr liebe Kinder lauft jetzt nicht an Eurem Bett vorbei …, denn Ihr wisst doch, das Traumland wartet bereits auf Euch. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«