Gesprächige Fliegen
»Nach langer Zeit, ist es soweit, seid Ihr bereit?«
Ein Tag kann manchmal ganz schön lang sein, nicht wahr? Aber jetzt wollen wir diesen Tag wieder mit einer schönen Gutenachtgeschichte beschließen. Macht es Euch also in Eurem Bett schön gemütlich, schließt bitte Eure Augen und spitzt die Ohren, denn jetzt begeben wir uns zu unseren Freunden auf die leere Veranda …
»Nichts«, sagte Kalle, als er wieder auf die Veranda heraustrat. »Keine Nachricht. Sie sind alle weg.«
»Selbst Lavida ist verschwunden?«, der Riese von Wurzelbruck konnte es kaum glauben. Sicher wollte seine Freundin den Burschen helfen, aber ohne eine Nachricht zu hinterlassen … Das schien gar nicht seine Lavida zu sein. Es passte einfach nicht zusammen.
»Vielleicht sind wir zu früh?«, warf Betty ein. »Möglicherweise haben Eure Freunde noch nicht mit uns gerechnet?«
»Mallewutz und Balthasar müssten schon längst zuhause sein. Die Schule ist doch schon lange zu Ende«, erklärte Kalle, der auch schon an so etwas gedacht hatte.
Öseblöm schaute auf die tief stehende Sonne und meinte: »Und Malle und Dralle müssten jetzt von der Feldarbeit zurückkommen.«
»Soll ich mich einmal umschauen?«, fragte das kleine Eichhörnchen. Unsere Betty wartete aber nicht auf eine Antwort, sondern huschte vom Tisch herunter, über eine Bank auf den Boden, um dann blitzschnell unter der Veranda zu verschwinden.
»Ich glaube kaum, dass Lavida sich unter der Veranda versteckt«, sagte Handan. Er klang echt besorgt und wirkte ziemlich ratlos.
Sie hatten den hohen Berg durchquert, die schwarze Tiefe bezwungen und den Zwerg gerettet und nun sollten sie hier völlig hilflos sitzen, nur weil keiner da war, dem man helfen konnte. Nicht einmal ein Hinweis.
»Vielleicht sollten wir es wieder mit dem großen Flüstern versuchen«, schlug Kalle vor.
»Ja genau, irgendwer muss doch wissen, wo unsere Freunde sind!«, mischte sich nun auch Don Carlos ein.
Amira schüttelte ihren Kopf.
»Besser nicht«, sagte sie. »Sonst wird noch aus unsere Freunde sind weg, ein es hat keinen Zweck. Das wird uns kaum weiterhelfen. Außerdem glaube ich, dass wir nicht die Zeit haben, auf Antwort zu warten.
Unser Öseblöm hingegen schaute nachdenklich den beiden Fliegen bei ihrem lustigen Tanz zu. Sie summten die ganze Zeit über in der wohligen Abendsonne und jetzt, da das Eichhörnchen nicht mehr auf dem Tisch saß, trauten sie sich auch, dort nochmals zu landen.
Mal landete die etwas dickere, mit einem leicht bläulichen Schimmer, zuerst. Dann stürzte sich die kleinere mit atemberaubender Geschwindigkeit auf sie. Doch die schoss blitzartig wieder in die Höhe und die beiden vollführten einen Tanz um einen unsichtbaren Ring.
Öseblöm betrachtete die kleinen Wesen und fragte sich, ob die vielleicht etwas gesehen hatten. Er selbst hatte noch nie mit einer Fliege gesprochen und es hieß ja auch, dass Fliegen sehr einfältig seien. Doch jetzt wollte er es probieren. Man sollte schließlich nichts ungenutzt lassen.
Herr Öseblöm beugte sich also ganz vorsichtig nach vorn und streckte seine Hand behutsam aus. Die Fliegen sollten sich ja nicht erschrecken. So bot er seine Hand als Landeplatz an.
Tatsächlich näherten sich die beiden unserem Wanderer, der geduldig weiter die Hand ausgestreckt hielt. Alle schauten gebannt zu, wie sich plötzlich die dickere von beiden auf Öseblöms Hand niederließ. Die andere flog in sicherem Abstand ihre Bahnen.
»Guten Tag, mein Freund«, sagte Öseblöm. »Mein Name ist …«
»… Öseblöm, ich weiß«, brummte der dicke Brummer mit tiefer Stimme. Allerdings musste man schon ganz genau hinhören, um ihn zu verstehen.
»Psst, psst«, tönte nun die andere Fliege, die jetzt immer wieder vorbeigeflogen kam. »Nichts sagen, wir reden nicht mit Menschen. Hast Du das vergessen? Lass uns hier verschwinden, so wie die …«
»… die Ihr sucht«, ergänzte der Brummer.
»Habt Ihr unsere Freunde gesehen?«, fragte Öseblöm.
»Selbstverständlich«, antwortete die dicke Fliege.
»Und wisst Ihr auch, wohin sie verschwunden sind?«, wollte unser Wanderer weiter wissen.
»Natürlich …«, zischte die kleine Fliege im Vorbeiflug.
»… nicht!«, ergänzte der Brummer und schillerte wieder in freundlichem Blau in der Abendsonne. Dann summten seine Flügel los und er startete in die Höhe, um mit seinem Freund im warmen Sonnenlicht zu tanzen.
»Ihr seid aber nicht sehr gesprächig«, stellte Öseblöm fest.
»Oh doch«, widersprach der Brummer. »Wir sind sogar sehr gesprächig. Aber wir haben es eilig. Und außerdem können wir keine Menschensprache.«
»Wir verstehen Euch nicht!«, rief noch die kleinere Fliege, dann entschwanden beide tanzend in den blauen Abendhimmel. Von der Ferne näherte sich gerade Lavida mit gesenktem Haupt der Veranda. Sie schien traurig zu sein. »Lavida!«, rief Kalle laut, der sie zuerst erblickte. »Jetzt wird alles gut.«
Und für Euch liebe Kinder ist jetzt auch alles gut. Das Traumland wartet schon auf Euch. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«