Verblüffende Entschuldigung
»Wieder einmal ist es soweit, ich hoffe nur, Ihr seid bereit?«
Dann lasst uns jetzt keine Zeit verlieren. Deckt Euch also wieder gut zu, schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn nur dann könnt Ihr auch alles gut mitverfolgen. Schließlich könnt Ihr Euch wohl denken, dass das Abenteuer unserer Freunde nun richtig losging …
»Du hast recht, Amira!«, sagte Kalle bestimmt. »Wir müssen unseren Dralle finden. Noch eine Nacht da draußen wäre ganz bestimmt nicht gut.«
»Oh, oh …«, meinte auf einmal Handan. Der Riese von Wurzelbruck saß noch immer vor dem Haus und schaute immer wieder in Richtung Schule.
»Was ist los, mein Freund?«, fragte Öseblöm.
»Ich glaube, wir haben vorhin ziemlich viel Aufsehen erregt«, bemerkte der Riese. »Und jetzt …«
»… bekommen wir vermutlich Besuch«, ergänzte Kalle.
»Wie es ausschaut, haben wir das ganze Dorf aufgebracht«, beschrieb Handan seinen Freunden, was er von da oben schon sehen konnte. »Vielleicht ist es besser, wenn ich mich erst einmal hinter dem Haus verstecke.«
Mit diesen Worten kroch der Riese auf allen Vieren vorsichtig hinter das Haus unserer Burschen und ward nicht mehr zu sehen, zumindest auf den ersten Blick.
Kalle stand auf, trat vor die Veranda und deutete seinen Freunden, sich abwartend zu verhalten.
Da waren sie auch schon zu sehen. Eine große Horde aufgebrachter Dorfbewohner stürmte auf das Haus unserer Burschen zu, angeführt von ihrem Bürgermeister. Alle waren bewaffnet, mit Kochlöffeln, Schaufeln und Mistgabeln und ihre finsteren Mienen ließen nichts Gutes erahnen.
Der Bürgermeister, eine kleine gedrungene Gestalt mit einem weißen langen Schnauzbart hob seine Hand. Sofort blieben alle stehen.
»Einen wunderschönen guten Tag, Herr Bürgermeister«, begrüßte Kalle das Dorfoberhaupt. Dabei bemühte er sich, noch eine Spur freundlicher zu sein, als sonst. »Was führt Sie zu uns?«
Im Rücken des Bürgermeisters hielt sich Kreszenz versteckt und grinste frech.
»Ah, wie ich sehe, haben Sie Ihren missratenen Sohn auch gleich mitgebracht«, bemerkte Kalle. Mit einem Schlag wurde sein Blick eisig.
»Ich habe es immer gewusst, dass Ihr zu nichts taugt«, begann der Bürgermeister. »Man hätte Euch nie ins Dorf lassen sollen. Aber einige im Dorf mussten Euch ja unbedingt helfen. Und was ist jetzt der Dank? Ihr schleppt uns gefährliche Kreaturen und Monster in unsere Schule!«
Das war zu viel. Lavida sprang auf, innerlich bebte sie vor Zorn über so viel Dummheit, dann holte sie tief Luft, drehte sich um und wandte sich dem Bürgermeister zu.
»Guten Tag, Herr Bürgermeister«, begrüßte sie das Dorfoberhaupt mit einem strahlenden Lächeln. »Haltet Ihr mich etwa für ein Monster, oder gar für eine gefährliche Kreatur? Das wäre aber nicht sehr schmeichelhaft!«
Der Bürgermeister stutzte einen Moment. Lavidas langes blondes Haar glänzte in der Sonne und ihre Anmut und Schönheit beeindruckte auch hier die Dorfbewohner.
»Wer seid Ihr, Fremde?«, fragte der Bürgermeister.
»Ich bin Lavida von Wurzelbruck«, antwortete Lavida. »Tochter von Kerim, dem Dorfältesten und eine gute Freundin dieser jungen Burschen hier.«
Dem Bürgermeister war sein Auftritt etwas peinlich.
»Und wer seid Ihr, wenn ich fragen darf?«, entgegnete Lavida.
»Meine Name ist Kreszenz, ich bin der Bürgermeister dieses Dorfes.«
»Kreszenz?«, fragte Lavida. »So wie der Rüpel, der jeden Tag in der Schule meinen Freund bedroht?«
Der Bürgermeister hob erstaunt eine Augenbraue und schaute zu seinem Sohn herab. Dann wandte er sich wieder mit ernster Miene Lavida zu.
»Mein Sohn ist kein Rüpel«, sagte er. »Aber die Lehrer an unserer Schule berichteten mir einhellig von einem Monster und einer gefährlichen Kreatur mit einem langen Schwanz!«
»Damit bin ich wohl gemeint!«, sagte Öseblöm und trat an den Bürgermeister heran. Unser Wanderer verbeugte sich höflich, wie ein Edelmann, und stellte sich kurz vor: »Mein Name ist Vinidi Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm. Ich versichere Ihnen, ich bin nicht gefährlich.« Und mit einem Lächeln fügte er hinzu: »Jedenfalls nicht für meine Freunde …«
Der Bürgermeister war so erstaunt über die tadellosen Manieren des Fremden, dass er fast schon vergessen hätte, warum sie überhaupt hier waren. Doch da rief jemand aus der Menge: »Da ist ja die Kreatur! Schmeißt sie raus aus unserem Dorf. Schmeißt sie alle raus!«
»Ja, genau!«, stimmten die anderen Dorfbewohner mit ein. »Wir wollen Euch hier nicht haben! Macht, dass Ihr wegkommt!«
Kreszenz junior feixte frech und stellte sich protzig neben seinen Vater. Der zog seinen Bauch ein und plusterte sich auf wie ein Gockel: »Ich, Kreszenz senior, Bürgermeister dieses Ortes, bin gekommen, um Euch …, um Euch …«, der Bürgermeister kam ins Stocken. Hinter dem Haus gab es ein gewaltiges Krachen. »… um Euch, äh …«. Der Bürgermeister riss seine Augen auf und blickte immer weiter in die Höhe: »… um mich aufrichtig für meinen Sohn zu entschuldigen!« – »Oh, ah«, riefen immer mehr Dorfbewohner. Jetzt schaute alles nach oben. Vor ihnen stand Handan, der Riese von Wurzelbruck!
Für Euch liebe Kinder ist es jetzt Zeit, denn das Traumland wartet schon … Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«