Der Abenteurer
»Ich hoffe, Ihr hattet einen schönen Tag?«
Dann ist doch die Geschichte hier eine gute Gelegenheit, den Tag zu beschließen. Also schaut zu, dass Ihr jetzt schnell ins Bett kommt. Schließt wieder Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn die Suche nach Dralle geht nun weiter, schließlich soll der junge Bursche noch vor Sonnenuntergang wieder daheim sein …
Die große Versammlung vor der Veranda unserer Burschen löste sich rasch auf. Jeder wollte so schnell wie möglich heimkommen, um dort von den ungewöhnlichen Ereignissen zu berichten. Wie schon erwähnt, hielt Kalle sich an den Bürgermeister. Kreszenz senior war ein groß gewachsener Mann, der allein wegen seiner stattlichen Größe allen Dorfbewohnern Respekt einflößte, na ja, den meisten jedenfalls.
Der Bürgermeister ging eiligen Schrittes voran in Richtung zum großen Marktplatz, der auch für große Versammlungen genutzt wurde. Von hier aus wollte er die Dorfsuche organisieren.
Während sie also an den vielen kleinen Häusern vorbeischritten, warf der Bürgermeister immer wieder einen verlegenen Blick auf unseren Kalle. Es fiel ihm auf, dass der junge Bursche mittlerweile zu einem stattlichen jungen Mann herangereift war. Tatsächlich war Kalle schon fast so groß wie er selbst.
»Es tut mir wirklich sehr leid, was passiert ist«, entschuldigte sich Kreszenz noch einmal bei Kalle.
»Sie waren doch immer gegen uns, werter Herr Bürgermeister«, stellte Kalle fest. Unser Bursche blieb höflich. »Und jetzt haben Sie es doch geschafft. Der Erste von uns ist nicht mehr da …«
Kreszenz senior war zutiefst beschämt. Als sie den Marktplatz erreichten, war der bereits gefüllt von einer großen Menschenmenge. Jeder wollte hören, was der Bürgermeister zu sagen hatte.
Auch hier, wie in vielen Dörfern, befand sich in der Mitte des Platzes eine große Eiche. Diesmal war der Andrang jedoch so groß, dass viele auch auf die Äste des mächtigen Baumes geklettert waren, um auch alles von oben mitverfolgen zu können.
»Macht Platz!«, riefen einige und bildeten eine Gasse für den Bürgermeister und unseren Kalle. Als die beiden nun mitten unter der Eiche standen, wandte sich der Bürgermeister an die Dorfbewohner.
»Liebe Mitbürger«, rief er mit lauter Stimme. Dann wurde es ganz still.
»Ein Dorfbewohner ist verschwunden, ein Mitbürger, einer von uns und wir müssen ihn suchen. Er hat bereits eine Nacht ganz allein irgendwo da draußen verbracht. Er darf keine weitere Nacht allein sein. Ich bitte Euch alle, helft uns bei der Suche nach dem jungen Dralle aus dem Burschenhaus.«
Die Dorfbewohner schwiegen.
»Aber wolltet Ihr nicht, dass das Burschenhaus abgerissen wird?«, fragte jemand aus der Menge.
Der Bürgermeister wurde rot im Gesicht.
»Das war der größte Fehler meines Lebens«, rief der Bürgermeister.
Über seinem Kopf gab es ein leises, kaum hörbares Knacken. Kalle bemerkte es sofort und zuckte unmerklich zusammen. Der junge Bursche war plötzlich in höchster Alarmbereitschaft.
»Es tut mir aufrichtig leid!«, rief der Bürgermeister so laut, dass ihn auch der Letzte auf dem großen Platz hören konnte.
»Die jungen Burschen gehören zu unserem Dorf, wie jeder andere Bewohner des Dorfes und sie verdienen unsere Hilfe und unseren Schutz«, erklärte Kreszenz.
Wieder ein Knacken, diesmal etwas lauter. Kalle schaute hinauf zu den Ästen, die unter der Last der vielen Menschen ächzten.
»Dein Sinneswandel kommt spät«, ertönte eine tiefe Stimme. Es war Bauer Rums, der sich langsam nach vorne drängte. »Ich hoffe, es ist nicht zu spät!«
»Das hoffe ich auch«, erklärte Kreszenz. »Es tut mir wirklich leid.« Dann reichte er unserem Kalle die Hand. »Ich bitte Dich aufrichtig um Verzeihung.«
Kalle aber stürzte sich auf den Bürgermeister und stieß ihn mit einem kräftigen Schubser zu Boden. Der Bürgermeister schrie auf vor Schreck, denn genau in diesem Augenblick gab der unterste Ast nach und krachte donnernd nach unten. Ohne Kalle wäre Kreszenz senior von dem dicken Ast erschlagen worden. Die Menschen auf dem Ast schrien ebenfalls auf, kamen aber mit dem Schrecken und ein paar blauen Flecken davon. Doch schon hörte Kalle das nächste Knacksen im darüberliegenden Ast.
Jetzt zeigte sich, was unser Bursche auf seiner ersten Abenteuerreise alles gelernt hatte. Blitzschnell griff er nach seinem Seil, schwenkte es wie ein Lasso und warf es über einen weiteren Ast. Er schwang sich wie ein Artist daran nach oben. Wieder ein Knacken. Bei dem Lärm und den vielen aufgebrachten Rufen hörte dies niemand. Nur unser Abenteurer wusste, was es geschlagen hatte. Sofort band er sein Seil um den Ast, der die Last der Menschen nicht länger tragen wollte, und befestigte es an dem mächtigen Baumstamm, sodass es den Ast eine Weile halten konnte.
»Sofort runter von diesem Baum!«, rief er und half den Einzelnen, geschwind wieder vom Baum herab zu kommen. Danach ließ er sich am Rest des langen Seils nach unten, federte leicht ab und reichte schließlich dem Bürgermeister die Hand.
»Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Herr Bürgermeister. Und ich möchte Ihnen danken.«
»Danken wofür?«, fragte Kreszenz senior, der sofort erkannte, dass Kalle ihm das Leben gerettet hatte. – »Nun«, antwortete unser Abenteurer. »Ich weiß jetzt, wo ich Dralle finde.« – »Aber wie kannst Du das wissen?« – »Sie haben mich auf die Spur gebracht.« Kalle lächelte, richtete sich nun vollends auf und blickte über die Köpfe der meisten Menschen. »Ihr könnt alle wieder an Eure Arbeit gehen«, rief er. »Dralle ist nicht mehr in unserem Dorf!«
Für Euch liebe Kinder ist es jetzt wieder Zeit. Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«