Uralte Melodie
»Es ist soweit, seid Ihr bereit?«
Dann solltet Ihr jetzt ganz schnell ins Bett hüpfen. Schließt bitte wieder Eure Augen, spitzt Eure Ohren und öffnet Eure Herzen, denn wir wollen nun zurück zur Veranda des Burschenhauses gehen. Dort geschehen nämlich gar wundersame Dinge …
Als Dalin die Flöte aus seinem Wams zog, klapperten Dix und Dax ganz aufgeregt. Unser Öseblöm konnte überhaupt nichts dagegen tun. Er saß auf der Bank und seine Füße stampften rhythmisch auf den Holzboden der Veranda. Kaum hatte aber der erste Ton die Flöte verlassen, wurde es auf der Veranda unseres Burschenhauses ganz andächtig still.
Dalin spielte sein Lied, eine uralte Melodie aus längst vergangenen Zeiten. Der Zwerg hatte sie von seinem Vater erhalten, dieser wiederum von Dalins Großvater. Seit unzähligen Generationen wurde diese Melodie weitergereicht. Eine geheimnisvolle Melodie mit einer besonderen Kraft.
Der Zauber dieser Melodie berührte alle auf der Veranda. Nur unser Dralle tat sich noch schwer. Eine einzelne Träne kullerte seine Wange herunter. Aber der Zauber der Melodie ging tief und tiefer.
Kreszenz, noch vor einem Tag der Oberrüpel der ganzen Schule, saß nun neben Balthasar und war überwältigt von seinen Gefühlen. Maßloses Staunen über die fremdartigen Wesen erfüllte ihn.
Die Melodie jedoch suchte sich ihren Weg von der Veranda in die Abenddämmerung und der mit ihr verbundene Zauber breitete sich weiter aus.
Niemand sprach ein Wort.
Das Lichtwesen Kasran stand etwas zurückgezogen hinter dem Schaukelstuhl und erleuchtete mit seinem fluoreszierendem Licht die ganze Veranda.
Don Carlos rückte näher zu Amira und mochte seine Zuneigung zu ihr nicht länger verbergen. Allen wurde ganz warm ums Herz und ihre Blicke verloren sich in den Weiten der Abenddämmerung.
Auf einmal stand Kreszenz auf und ging auf unseren Dralle zu. Wieder reichte er ihm seine Hand.
»Kannst Du mir verzeihen?«, fragte er.
Jetzt, in diesem Augenblick, konnte Dralle seine Tränen nicht länger zurückhalten. All der Schmerz in seinem jungen Herzen brach heraus. Auch Dralle erhob sich von der Bank. Tränenüberströmt nahm er Kreszenz in den Arm.
»Freunde«, sagte er. »Lass uns Freunde sein.«
»So ist es gut«, flüsterte Dalin und legte seine Flöte behutsam beiseite.
»Ist das schön«, bemerkte Balthasar.
Kalle, der älteste der fünf Burschen, hatte ja bereits viel erlebt. Aber die Begegnung mit Dalin sollte ihn weiter reifen lassen.
»Woher stammt diese Melodie?«, fragte er, als sich die Gefährten so nach und nach aus ihrer andächtigen Starre lösten.
Dalin lächelte.
»„Ich habe sie von meinem Vater«, erklärte er. »Und der hat sie von seinem Vater. So war es schon immer.«
»War Dein Vater auch ein Zwerg?«, fragte Mallewutz.
Jetzt horchte Handan auf. Die Antwort auf diese Frage interessierte ihn brennend. Vielleicht, wenn es mehr Zwerge gäbe, könnte es ja auch sein, dass es auch mehr Riesen gab …
»Nein«, antwortete Dalin. »Mein Vater war ein gewöhnlicher Mensch.«
Schon als das »Nein« erklang, hatte sich Handans Hoffnung zerschlagen, dass es mehr von seiner Art geben könnte. Seine Einsamkeit, die ihn manchmal überkam, sollte also kein Ende finden.
»Aber mein Großvater war ein Zwerg, wie ich«, fügte Dalin hinzu.
Jetzt schauten alle überrascht. Es gab also doch mehr Zwerge in der Welt!
»Dann gibt es noch mehr von Eurer Art?«, fragte jetzt Balthasar.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Dalin und zuckte mit den Schultern. »Mein Urgroßvater war wieder ein Mensch, mein Ururgroßvater war ebenfalls ein Zwerg. Es wechselt immer ab in unserer Familie. So ist es schon seit undenklichen Zeiten. Bis auf meinen Großvater ist mir noch kein anderer Zwerg begegnet.«
»Woher stammt Deine Familie?«, fragte Kalle, der einer leisen inneren Spur folgte. Der Zauber des Zwergenliedes hatte etwas in ihm berührt, das er noch nicht fassen konnte. Irgendwie verband er mit diesem Lied eine Landschaft, die er bislang aber nur aus seinen Träumen kannte.
»Meine Familie?«, wiederholte Dalin ein wenig nachdenklich. »So genau weiß ich das nicht. Ich selbst stamme aus einem Ort, weit jenseits von Wurzelbruck. Mein Großvater erzählte mir, dass unsere Vorfahren noch viel weiter nördlich gelebt haben, in einer hügeligen Gegend namens Mantara. Dort soll es irgendwo einen heiligen Berg geben. Dem Ursprung eines kleinen Flusses und dem Ursprung dieser Melodie, die ich immer wieder gerne spiele.«
»„Mantara?«, wiederholte Balthasar. »Das klingt nach Abenteuer …« – »Es mag ein Abenteuer sein, diesen Ort zu finden«, sagte Dalin. »Es mag auch sein, dass es sich lohnt.« – »Wieso lohnt?«, fragte Kalle. – »Na, es heißt, dass derjenige, der in dem Fluss badet, vollständig geheilt wird«, erklärte Dalin. – »Geheilt?«, fragte plötzlich eine Stimme vor der Veranda. Es war Bauer Rums, der mit seiner Tochter an der Hand vor der Veranda stand und voller Staunen die geheimnisvollen Besucher betrachtete.
Ihr, liebe Kinder, dürft Euch jetzt von dem heutigen Tag erholen, denn das Traumland hat seine Tore wieder weit geöffnet … Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«