Kesra Öseblöm
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Wenn Ihr wissen wollt, wie es weitergeht, dann solltet Ihr jetzt schleunigst ins Bett hüpfen. Also bitte, wieder gut zudecken, schließt Eure Augen, öffnet Eure Herzen …, und spitzt Eure Ohren, denn es sollte ein langer Abend werden, auf der Veranda unserer Freunde …
»Und daraus entstand ein ganzes Dorf?«, zweifelte Balthasar.
»Genau so war es«, versicherte Öseblöm. »Mein Ururgroßvater war schließlich nicht allein. Jedenfalls nicht sehr lange. Seine Frau Meridit Öseblöm schenkte ihm zwei Kinder.«
»Aber das ergibt ja immer noch kein Dorf«, maulte Mallewutz, der sich nicht sonderlich für alte Familiengeschichten interessierte. Es erinnerte ihn einfach nur daran, dass er als kleines Baby ausgesetzt wurde.
Herr Öseblöm spürte dies sofort und schenkte unserem Mallewutz sein freundlichstes Lächeln.
»Du hast wohl noch nie ein Dorf wachsen sehen?«, fragte er.
»Seit wann können Dörfer wachsen?«, wollte Mallewutz wissen.
»Nun ja,« erklärte Öseblöm, »an der Biegung des kleinen Flusses kamen viele Reisende vorbei. Manche ließen sich dort nieder und bauten sich ebenfalls eine Hütte. Andere bauten gleich große Häuser. Und so entstanden viele Häuser nah beieinander, denn man wollte nicht stundenlang laufen, um seinen Nachbarn zu besuchen.«
»Und dann einigte man sich gleich auf den Namen Öseblömhausen?«, fragte Kalle, der einfach alles wissen wollte, denn er überlegte bereits, ob es möglich wäre, einmal das Heimatdorf seines neuen Freundes zu besuchen.
»Nicht sogleich«, antwortete Öseblöm. »Aber es kamen noch viele aus dem Geschlecht der Öseblöms und die waren in der Mehrzahl vertreten. Und dann …«, unser Wanderer kratzte sich an der Backe. Er schien zu überlegen, wie er es sagen sollte.
»Und dann?«, fragte Kreszenz, der von allem fasziniert war, was hier erzählt wurde.
»Und dann gibt es da noch etwas«, erklärte Öseblöm. »Jeder Öseblöm hat irgendwie eine Eigenart, eine Angewohnheit, manche sagen, die haben einen Tick.«
»Einen Tick?«, fragte Balthasar. »Was hast Du denn für einen Tick?«
»Ich habe den Drang extrem höflich zu sein. Ich verbeuge mich immer wie ein Edelmann und heiße die Menschen herzlich willkommen.«
»Aber das ist doch kein Tick!«, meldete sich Malle zu Wort.
»Für einen Öseblöm schon«, grinste Vinidi Öseblöm.
»Und was für einen Tick hatte Dein Ururgroßvater?«, wollte Kalle neugierig wissen. »War der vielleicht besonders unhöflich?«
»Nein, nein«, schüttelte Öseblöm seinen Kopf. »Er hatte ein Problem mit der Mehrzahl.«
„Hihi“, kicherte es aus dem Schaukelstuhl. Dalin amüsierte sich köstlich bei dem Gedanken, die anderen aber verstanden noch nicht.
»Und was heißt das?«, fragte Balthasar.
»Ganz einfach«, erklärte Öseblöm. »Wenn Du eine Maus siehst, dann ist das EINE Maus. Kommt eine zweite Maus hinzu, dann sprechen wir alle von Mäusen, richtig?«
Alle nickten zustimmend.
»Eine Maus, zwei Mäuse«, wiederholte Öseblöm. »Für meinen Ururgroßvater aber hieß es eine Maus, zwei MausN.«
Die Freunde verstanden immer noch nicht. Öseblöm blieb geduldig und brachte ein weiteres Beispiel:
»Wir sagen beispielsweise eine Hand und zwei Hände.«
»Und Kesra Öseblöm sagte eine Hand und zwei HandN?«, fragte Kalle, der es plötzlich begriffen hatte.
»Richtig«, lachte Öseblöm. »Mein Ururgroßvater hat einfach immer nur ein »N« an das Wort drangehängt. Das bedeutete für ihn viele, oder mehr als eins.«
»Wenn also ein Baum mehr als ein Blatt hat, dann wären das für Deinen Ururgroßvater viele BlattN gewesen?«, fragte nun Kreszenz, der jetzt auch begriffen hatte.
»Ganz genau«, grinste Öseblöm. »Und als weitere Häuser von Mitgliedern der Öseblömfamilie entstanden, waren das nicht Häuser von Öseblöms oder Öseblömhäuser, sondern mein Ururgroßvater Kesra Öseblöm nannte die vielen Häuser »ÖseblömhausN«. Irgendwann später wurde daraus dann Öseblömhausen.«
»Dann gehört Euch sozusagen das ganze Dorf?«, fragte Kreszenz.
»Es gab eine Zeit, da konnte man das fast so sagen, ja«, antwortete Öseblöm. »Aber das ist schon lange her. Viele Öseblöms verließen den Ort, und als ich geboren wurde, waren wir die einzigen Öseblöms in Öseblömhausen.«
»„Und was ist jetzt mit Deinen Eltern?«, wollte Dralle wissen, der wieder diesen leisen Schmerz spürte. – Öseblöm schaute zum ersten Mal richtig traurig. »Ich kam eines Abends von der Arbeit nach Hause und da waren sie nicht mehr da. Auf dem Tisch in der Küche lag nur ein Zettel.« Herr Öseblöm fasste in seine Hosentasche und kramte ein zerknittertes Stück Papier hervor. Er entfaltete es und zeigte es den Freunden. Auf dem Papier stand nur: »Mach Dir keine Sorgen, wir sind bald wieder da!«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«