… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Der Flüsterer

»Seid Ihr bereit für die nächste Geschichte?«

Wirklich? Seid Ihr denn schon im Bett …? Ihr wisst doch, dass schöne Gutenachtgeschichten immer in einem kuscheligen Bett noch viel schöner werden. Also deckt Euch bitte wieder gut zu, schließt Eure Augen und machte Eure Ohren und Herzen ganz weit auf. Jetzt begeben wir uns auf die Veranda des Burschenhauses …

Die Freunde hingen wie gebannt an den Lippen unseres Herrn Öseblöm. Selbst Dalin hatte ab und zu überrascht seine Augen geöffnet.

»Du hast etwas gut bei ihr?«, wiederholte Kalle. »War das ein Dankeschön?«

»Und was für ein Dankeschön!«, entgegnete Öseblöm. »Das war das größte Geschenk, das Amira machen konnte. Doch sie hielt sich nicht mehr lange mit mir auf. Noch einmal nickte sie mir kurz zu, dann breitete sie ihre mächtigen Flügel aus, um sich wieder in die Lüfte zu schwingen.«

»Und wie heißt Dein Sohn?, rief ich ihr noch nach.«

»Pepe«, sagte Balthasar dazwischen. »Das wissen wir doch schon.«

»Ja, das wissen wir heute«, meinte Malle. »Aber zu dem Zeitpunkt konnte Öseblöm das doch gar nicht wissen, oder?«

Unser Öseblöm nickte nur zustimmend.

»Bei der Frage,« fuhr er mit der Erzählung fort, »glaubte ich zum ersten Mal ein leises Lächeln auf ihrem Gesicht zu erkennen. »Pepe«, sagte sie nur. »Den Namen kannst Du Dir schon einmal merken. Er wird einmal der mächtigste Adler weit und breit.« Damit hob sie ab und verschwand in den Baumkronen in schwindelerregender Höhe.«

»Und was hast Du dann gemacht?«, wollte Mallewutz wissen.

»Ich?«, fragte Öseblöm zurück. »Ich glaube, das erfahrt Ihr morgen Abend. Es ist nämlich schon spät geworden.«

»Ach nee«, maulte Balthasar, der es gerade so richtig gemütlich fand.

Kreszenz jedoch sprang ohne Murren auf, verabschiedete sich und hüpfte die Verandastufen in einem Satz herunter.

»Wir sehen uns morgen in der Schule!«, rief er noch Mallewutz und Balthasar zu, dann war er auch schon nicht mehr zu sehen.

»Du hast recht«, ertönte es hinten vom Schaukelstuhl. Auch Dalin war mittlerweile aufgestanden, um sich zu Bett zu begeben. »Es ist spät geworden, meine Freunde.«

Die Burschen räumten noch schnell den Tisch ab und zogen sich dann zurück. Jeder war irgendwie in Gedanken beschäftigt, mit der großen Reise ihres Freundes und jeder dachte darüber nach, ob er Öseblöm nicht helfen konnte, bei der Suche nach seinen Eltern …

***

Am darauffolgenden Morgen zeigte sich wieder das geschäftige Treiben auf der Veranda. Draußen war es bereits warm und die frische Morgenluft spendete Kraft für den neuen Tag. Wie immer verließen die fünf Burschen überstürzt die Veranda, Mallewutz und Balthasar Richtung Schule, die anderen drei in Richtung des großen Feldes am Dorfrand gelegen.

»Du schaust heute so nachdenklich«, stellte Dalin fest, als Öseblöm und er allein auf der Veranda standen und ein wenig Ruhe einkehrte.

Öseblöm schaute dem Zwerg mit einem vieldeutigen Blick in die Augen.

»Du hast hier ein wunderbares neues zuhause gefunden«, sagte Dalin. »Doch solltest Du Deine Suche nicht aufgeben.«

»Das will ich doch gar nicht«, entgegnete Öseblöm. »Aber ich bin nun schon so lange unterwegs und fühle mich ein wenig müde. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Du vielleicht …«

Dalin lächelte milde. Als Zwerg gehörte er mit zu den ältesten Wesen im Land. Er hatte viele Länder bereist und unglaublich viel erlebt. Genau deshalb hoffte unser Öseblöm auf Hilfe.

»Du meinst, dass ich Dir helfen könnte?«, fragte Dalin. »Nun, mein Freund, ich schulde Dir mein Leben. So will ich Dir gerne helfen, soweit es in meiner Macht steht. Und bevor Du fragst, JA, ich kenne Deine Eltern und sie sind mir auch schon begegnet.«

»Du hast meine Eltern kennengelernt?«, wiederholte Öseblöm. »Wann, wo, wie geht es ihnen? Warum sind sie nicht zurückgekommen? Warum haben sie mich nur allein gelassen?«

»Das sind viele Fragen, mein Freund. Doch ich denke, ihr seid noch nicht so weit, es tut mir leid.«

Dalin schien sehr viel zu wissen, aber aus einem unbekannten Grund war er nicht bereit, sein Wissen preiszugeben.

»Aber Du hast mächtige Freunde, sei unbesorgt.«

Mehr konnte Öseblöm nicht in Erfahrung bringen.

Gegen Mittag stürmten Mallewutz und Balthasar die Verandastufen empor. »Öseblöm, Öseblöm!«, rief Balthasar. »Wir haben eine Idee! Du musst einfach nur flüstern, Du weißt schon, das große Flüstern …, damit können wir Deine Eltern finden!« – Öseblöm schenkte den beiden Burschen ein Lächeln. »Dann werde ich Euch heute Abend vom Flüsterer erzählen, danach werdet Ihr besser verstehen, aber dennoch DANKE, dass Ihr mir helfen wollt.«

Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt wieder an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«