… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Stimme aus der Dunkelheit

»Wieder einmal ist es soweit, ich hoffe sehr, Ihr seid bereit!«

Dann sollten wir schleunigst mit der nächsten Geschichte fortfahren. Deckt Euch also bitte wieder gut zu und macht es Euch in Eurem Bett so richtig gemütlich. Jetzt schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn unser Öseblöm erzählt gerade seinen Freunden auf der Veranda, was es mit dem sprechenden Brunnen auf sich hatte …

Auf der Veranda war es richtig gemütlich. Wie jeden Abend standen ein paar Kerzen auf dem langen Tisch. Die Burschen und ihre Gäste saßen auf den Bänken, tranken von der leckeren Limonade und konnten bei den Geschichten so richtig entspannen. Ja, sie vergaßen sogar ein wenig das Warten auf Mama Rums Rückkehr.

Dalin, der Zwerg, saß wiederum in seinem Schaukelstuhl und genoss die feine Abendstimmung, während Herr Öseblöm von seinen Erlebnissen erzählte.

»Ich folgte also dem kleinen Mädchen«, fuhr der Wanderer fort. »In der großen Aufregung bemerkte uns niemand. Die kleine Lisa führte mich durch eine schmale Gasse, die schließlich in einen kreisrunden Platz mündete. »Ist das Euer Dorfplatz?«, fragte ich. Das Mädchen schüttelte nur den Kopf und deutete auf den steinernen Brunnen, der sich etwas am Rand des kleinen Platzes erhob. »Das ist unser Dorfbrunnen«, sagte sie schließlich. »Und seit heute Morgen kann er sprechen!«

»Es gibt doch keine sprechenden Brunnen«, zweifelte Kreszenz.

»Also, das mit dem Zauberwald, will ich wohl glauben«, meinte Kalle. »Aber sprechende Brunnen? Das klingt doch eher nach dem Märchen vom Frischkönig …«

Öseblöm lachte und erzählte weiter: »Der Brunnen konnte tatsächlich sprechen! Ich trat an ihn heran und fragte ihn »Wie heißt Du denn?«

»Willst Du uns etwa erzählen, dass der Brunnen sogar einen Namen hat?«, fragte Mallewutz ganz ungläubig.

»Das vielleicht nicht«, meinte Öseblöm. »Aber eine Antwort auf meine Frage erhielt ich schon. Ihr müsst wissen, dass der Brunnen ziemlich tief war. Wenn man hineinschaute, starrte einem nichts als Dunkelheit entgegen. Ich war schon ziemlich verblüfft, als ich eine klägliche Stimme hörte, die rief: »Filius …, Mama?«

»Dann war der kleine Filius in den Brunnen gefallen?«, fragte Balthasar.

Öseblöm nickte.

»Ja, und er hatte noch großes Glück«, erklärte der Wanderer. »Auf jeden Fall schickte ich Lisa los, um Hilfe zu holen. Aber es dauerte eine ganze Weile, bis ein Erwachsener auf das kleine Mädchen hörte. Dann aber kam das ganze Dorf zusammen.«

»Wenn der Kleine unverletzt war, sollte es doch kein Problem gewesen sein, ihn wieder hochzuholen, oder?«, fragte Kalle. »Schließlich hat doch jeder Brunnen einen Eimer, der an einem Seil heruntergelassen wird, um Wasser zu schöpfen.«

»Normalerweise ist das so«, antwortete unser Öseblöm. »Aber hier war der kleine Filius mitsamt dem Eimer in die Tiefe gerauscht.«

»Dann habt Ihr ihn einfach am Seil wieder hochgezogen?«, fragte Kalle.

Öseblöm schüttelte seinen Kopf.

»Leider nein, denn das Seil war schon morsch und brüchig und ist deshalb gerissen, als Filius in die Tiefe stürzte«, erklärte Öseblöm.

»Ja, dann musste halt ein anderes Seil her«, bemerkte Kalle.

»In der ganzen Siedlung fand sich kein einziges Seil, das lang genug gewesen wäre«, begann Öseblöm und berichtete schließlich davon, wie er sein Seil zur Hilfe anbot.

»Wir nahmen also mein Seil,« Öseblöm sprach ganz langsam und machte es richtig spannend, »und ich band es an einem Ende um meinen Bauch. Das andere Ende hielten ein paar Bauern fest mit ihren kräftigen Händen. So ließen sie mich langsam hinab in die Dunkelheit …«

»Aber warum ist denn keiner aus dem Dorf in die Tiefe gestiegen?«, fragte Malle dazwischen.

»Außer ein paar Kindern gab es niemanden in der Siedlung, der schmal genug gewesen wäre, um in den Brunnenschacht zu passen«, erklärte Öseblöm. »Ich tastete mich also an der Brunnenwand entlang in die Tiefe hinunter. Da unten war es wirklich stockduster.«

»Hattest Du keine Fackel dabei?«, fragte Kalle, der sich gerade wieder an sein Abenteuer in der Höhle unter dem hohen Berg erinnerte.

»Nein«, sagte Öseblöm. »Ich wollte beide Hände freihaben, um den kleinen Filius festzuhalten. In der Tiefe konnte man seine eigene Hand nicht vor den Augen erkennen. Über mir war das kleine Licht der Brunnenöffnung zu sehen, unter mir nur gähnendes Schwarz. Je tiefer ich kam, desto deutlicher wurde die Stimme des Kleinen »Mama …, Filius …, Mama …«.

»Und dann hast Du Dir den Kleinen gepackt …«, platzte Balthasar dazwischen.

»Ganz so einfach war das nicht!«, erklärte der Wanderer. »Und ungefährlich war es schon überhaupt nicht. Ich sagte doch, dass der kleine Filius großes Glück gehabt hatte. Er war nämlich an einem Steinvorsprung hängen geblieben, doch weder er noch ich konnten dies sehen. Es ging nämlich noch viel tiefer hinunter …« – »War denn Dein Seil überhaupt lang genug?«, wollte Kalle wissen. – »Das, mein Freund, fragte ich mich allerdings auch, als ich da unten in der Dunkelheit an meinem Seil baumelte. Immer wieder hörte ich »Mama …, Filius …, Mama …«, die Stimme kam näher und näher, bis sie schließlich auf Höhe meiner Ohren erklang. Ich konnte aber nichts erkennen.«

Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt aber an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«