Das größte Abenteuer
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Die nächste Gutenachtgeschichte wartet auf Euch. Ihr müsst nur noch in Euer Bett hüpfen und Euch gut zu decken. Sodann schließt Eure Augen, öffnet Eure Ohren ganz weit und hört aufmerksam zu, denn unsere Freunde sitzen noch immer auf der Veranda und genießen den langen Abend mit Vinidi Öseblöm, dem geheimnisvollen Wanderer aus Öseblömhausen, Öseblöm …
»Warum haben wir keinen solchen Kek?«, fragte Balthasar.
»Wir haben auch keine Mühlen«, bemerkte Mallewutz.
»Wieso heißt es eigentlich Dorf der tausend Mühlen?«, wollte Kreszenz nun wissen.
Alles blickte zu unserem Wanderer. Die Frage schien berechtigt, schließlich hatte Öseblöm erzählt, dass es eigentlich nur drei Mühlen sind.
»Das hatte mich zuerst ja auch gewundert«, erklärte Öseblöm.
»Aber im Grunde ist es ganz einfach. Das Mühldorf ist ein sehr altes Dorf und es gibt es schon seit unglaublich langer Zeit. Eine Mühle hält aber nicht ewig. Immer wenn eine Mühle einmal zerstört wurde, sei es durch ein Feuer oder einen schweren Sturm, bauten die Bewohner eine neue Mühle. Die Mühlen wurden gezählt und der Dorfschreiber hielt alles in einer Dorfchronik fest.«
»Was ist denn eine Chronik?«, fragte Balthasar, der wohl in der Schule nicht immer aufgepasst hatte.
»Die Dorf-Chronik im Mühldorf ist ein ganz dickes Buch. Darin wird jedes Ereignis im Dorf festgehalten und für die Nachfahren aufbewahrt. So kann jeder Dorfbewohner nachlesen, wann zum Beispiel sein Ururgroßvater gelebt hat und was er für einen Beruf hatte.«
»Das finde ich ja super!«, rief Kalle. »Warum haben wir keine Dorfchronik?«
»Ich vermute, Euer Dorf ist noch nicht so alt, wie das Mühldorf«, fuhr Öseblöm fort.
»Auf jeden Fall hieß das Dorf ursprünglich „das Dorf der Mühle“, später „das Dorf der drei Mühlen“. Mehr als drei Mühlen hat es aber nie gleichzeitig gegeben. Als die erste der drei Mühlen durch einen Sturm bis auf die Grundmauern zerstört wurde, nannten die Bewohner ihre Heimat „das Dorf der vier Mühlen“. Sie wollten einfach die alte Mühle in Erinnerung behalten. Irgendwann war es dann „das Dorf der zehn Mühlen“, später „der hundert Mühlen“ und mittlerweile heißt es „das Dorf der tausend Mühlen“ …«.
Dalin, der Zwerg, hatte sich wieder in seinen Schaukelstuhl zurückgezogen und hörte jedoch aufmerksam zu. Plötzlich mischte er sich ein:
»Darf wirklich JEDER in der Dorfchronik lesen?«
Nach dieser Frage wurde es mit einem Mal still auf der Veranda. Der sommerliche Nachtwind huschte unhörbar über die Veranda und spielte mit den Flammen der Kerzen. Nur die Fackeln knackten ab und zu, wie ein Lagerfeuer. Und ihre Funken stiegen tanzend in den Nachthimmel auf.
Öseblöm dachte über die Frage nach.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er.
»Wenn Du freundlich zu ihnen bist, werden sie Dich vermutlich einen Blick hineinwerfen lassen. Aber wozu möchtest Du darin lesen?«
»Wenn die Chroniken so alt sind, wie Du sagst,« erwiderte Dalin, »dann können wir darin vielleicht Antworten finden auf Fragen, die sich schon lange keiner mehr zu stellen traut …«
In diesem Augenblick spürten alle wieder, dass Dalin zu den geheimnisumwitterten Wesen dieses Landes gehörte. Der Zwerg bemerkte die einkehrende Ehrfurcht und unterbrach den Bann mit einem Lächeln.
»Lasst uns noch etwas von der Limonade trinken«, schlug er vor, stand auf und begab sich in die Küche des Burschenhauses.
Bauer Rums konnte nicht anders, als fasziniert zu sein von diesen abenteuerlichen Erzählungen, obwohl er froh war, dass er als einfacher Bauer nicht viel oder besser gar nichts damit zu tun hatte.
»Eigentlich kann ich kaum glauben, was hier alles berichtet wird«, begann er und wagte es dann zu fragen: »Was war denn Dein größtes Abenteuer, das Du bis jetzt erlebt hast, lieber Öseblöm?«
Öseblöm schaute den Bauern an und schien zu überlegen.
»Meinst Du mein größtes oder mein gefährlichstes Abenteuer?«
Anton Rums musste nicht lange darüber nachdenken: »Dein gefährlichstes Abenteuer!«, sagte er und konnte seine Neugier nicht mehr verbergen.
»Au ja«, stimmten die anderen mit ein.
»Was war Dein gefährlichstes Abenteuer, das Du bis jetzt erlebt hast?«
»Mein gefährlichstes Abenteuer …«, wiederholte Öseblöm und ließ in Gedanken noch einmal all seine Erlebnisse vor seinem inneren Bildschirm ablaufen.
»Da waren schon ziemlich gefährliche Sachen dabei«, stellte er fest. »Aber am gefährlichsten war wohl meine Begegnung mit einem Dinosaurier.« – »Ach, Dinosaurier …«, wandte Kreszenz ein. »Die gibt es doch überhaupt nicht. Die sind doch schon lange ausgestorben.« – »Jetzt schon …«, antwortete Öseblöm. »Aber erst nach meinem Treffen …«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt aber an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«