Trauriger Busch
»Ich hoffe, Ihr hattet einen schönen Tag?!«
Dann lasst doch diesen Tag jetzt ausklingen mit einer schönen Gutenachtgeschichte. Ihr wisst ja, eine wirklich gute Geschichte liest sich am allerbesten in einem gemütlichen Bett. Daher schlüpft schnell unter Eure Decke, macht es Euch wieder so richtig gemütlich, denn wir wollen uns anschauen, wie es unserem wahrlich verblüfften Kalle erging, als er so unfreundlich empfangen wurde …
Überraschung war eigentlich nicht das richtige Wort. Tatsächlich fühlte Kalle sich geschockt! Schließlich war er zum allerersten Mal in seinem Leben auf sich allein gestellt, mehr oder weniger, denn die kleine Betty zählte er nicht. Auch wenn sie süß und lieb war und ihm sicher helfen wollte, so konnte Kalle sich einfach nicht vorstellen, dass ein kleines Eichhörnchen eine echte Hilfe sein konnte.
»Wollt Ihr etwa sagen, dass Ihr noch nie etwas von Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm gehört habt?«, vergewisserte Kalle sich noch einmal.
»Öseblömhausen …?«, brummte es zweifelnd aus dem Wald.
»Das kann doch nicht wahr sein!«, rief Kalle voller Verzweiflung.
»Und Karun ist Euch auch kein Begriff?!«
»Ist das eine Frage?«, schallte es wieder wie im Chor zurück.
Der junge Bursche kratzte sich an seinem Hinterkopf und machte ein ziemlich langes Gesicht.
»Was machen wir nun?«, fragte er Betty.
Das Eichhörnchen hatte es sich mittlerweile auf seiner Schulter bequem gemacht. Kalle legte kurz den Kopf in den Nacken und blinzelte nach oben. Die Bäume waren ziemlich hoch und standen dicht beieinander. Ohne deren Erlaubnis würden sie wohl nicht durchkommen können. Mit seinem scharfen Blick suchte er in den Baumwipfeln nach irgendeiner Möglichkeit … dabei dachte er nach.
Schließlich kam er zu dem Schluss: »Das muss der Zauberwald sein! Welcher Wald verweigert einem schon den Zutritt …?« Aber Kalle sprach diesen Gedanken nicht aus. Plötzlich erblickte er etwas in den Baumwipfeln und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen.
Betty hatte inzwischen über die Frage nachgedacht.
»Dann sollten wir uns beeilen und uns mit Öseblöm treffen«, schlug sie vor. »Vielleicht bleibt uns sogar noch die Zeit, die kleine Marie zu finden!«
Dem Eichhörnchen war Kalles Lächeln nicht entgangen. Allerdings wusste sie nicht, was Kalle entdeckt hatte. So warf auch sie einen vorsichtigen Blick zu den Baumwipfeln und dann sah sie es! Ganz oben, auf der Spitze dieses mächtigen Baumes steckte doch tatsächlich ein grüner Jägerhut …
»Aber was machen wir mit dem Busch, oder besser mit dem traurigen Rest von Busch?«, fragte Betty nun ihrerseits und gab Kalle mit einem Augenzwinkern zu verstehen, dass auch sie den Hut bemerkt hatte.
»Mmh«, machte Kalle und gab sich nachdenklich.
»„Was sollen wir schon damit machen? Wir verbrennen ihn! So, wie Öseblöm es uns aufgetragen hat.«
Mit diesen Worten wandte Kalle sich zum Gehen. Das armselige Geäst begann augenblicklich zu zittern und lief tiefrot an.
»Aber ich habe Euch nicht GEHOLFEN«, versuchte das Gestrüpp sich zu retten und erinnerte an Öseblöms Worte.
»Eben«, stellte Kalle fest. »Ausgerechnet jetzt, wo wir wirklich einmal Hilfe brauchen könnten, zitterst Du nur grau vor Dich hin, äh rot, nein grün, ach was … Es wird Zeit, dass wir weiterkommen!«
In diesem Augenblick geriet der Wald in große Aufruhr. Ein tiefes Raunen, aus der Mitte des Waldes, ging von Baum zu Baum und von Ast zu Ast.
»Woher wusstest Du …?«, raunte es aus dem Wald heraus.
Kalle drehte sich um und lächelte verschmitzt.
»Ein Baum mit Hut, ist auch ganz gut«, sagte er.
Noch einmal verneigte er sich.
»Darf ich nun um Einlass bitten, in diesen schönen Wald? Wir möchten nämlich diesen kleinen Rest von Busch wieder nach Hause bringen.«
Die Bäume machten mit einem Mal Platz und gaben den Weg frei.
»Sei uns willkommen, Kalle, Freund von Öseblöm. Unser FREUND BUSCH wartet schon. Aber wundert Euch nicht, denn er ist ein TRAURIGER BUSCH, seit er einen Teil von sich verloren hat.«
»So soll es sein«, bemerkte Kalle, und fügte noch hinzu: »Aber bitte keine weiteren Scherze.« – Auf dem mächtigen Baumstamm bildete sich plötzlich ein Gesicht heraus und zeigte eindeutig ein menschliches Grinsen. »Verzeih mir«, sagte der Baum. »Aber seitdem ich Öseblöms Hut besitze, macht alles noch viel mehr Spaß, verstehst Du?! Ich kann plötzlich mit Menschen und Tieren sprechen und sie verstehen mich. Das ist einfach ein ganz anderes Leben!« – »Wem sagst Du das!«, bestätigte Kalle. »Aber auch deshalb sind wir hier. Don Carlos, unser Freund, sieht das Leben nämlich ganz anders.« – »Don Carlos?«, fragte der Baum. »Ist das nicht der Adler, dem Ihr hier geholfen habt?« – »Genau der«, entgegnete Kalle. »Don Carlos trägt jetzt Öseblöms Halstuch.« – »Dann kann er auch mit Menschen und Tieren reden?«, wollte der Baum wissen. – »Ja,« seufzte Kalle »und genau das ist sein Problem.« Mit diesen Worten betrat Kalle den Zauberwald. Ein Erlebnis, das er niemals vergessen sollte.
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«