Kalles Aufgabe
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Die nächste Geschichte wartet schon auf Euch. Also hüpft ganz schnell wieder in Euer Bett, deckt Euch gut zu und macht es Euch so richtig gemütlich. Nun schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren, denn wir begleiten jetzt unseren Freund Kalle in den Zauberwald. Der junge Bursche hat nämlich gerade in diesem Augenblick ein sehr beeindruckendes Erlebnis …
»Mein junger FREUND«, ertönte wieder die Stimme Karuns.
»Ich habe Dich schon seit Langem erwartet. Nun ist der Tag gekommen, an dem ich DIR ein Geheimnis anvertrauen werde.«
Kalle stand wie erstarrt da. Immer wieder blickte er sich nach allen Seiten um, aber außer den vielen Bäumen konnte er nichts Außergewöhnliches erkennen. Die kleine Betty hielt sich in seinem Hemd versteckt und rührte sich nicht.
»Ich würde gerne sehen, mit wem ich rede«, erwiderte Kalle.
Kaum hatte er ausgesprochen, erschienen ihm seine Worte selbst ein bisschen frech. Doch Karun blieb milde und fuhr fort.
»Du siehst mich bereits, mein Freund. In jedem Baum, in jedem Strauch, in jeder Blume, ja selbst in jedem einzelnen Grashalm kannst Du mich erblicken, denn ich bin ein Teil von ihnen …«
»Aber die Legende erzählt …«, wandte Kalle ein.
»Ich BIN die Legende«, unterbrach Karun. »Und ja, es stimmt, ich wanderte einst als mächtiger Baum umher und begründete diesen Wald. Aber die Zeit blieb auch für mich nicht stehen.«
Dem Burschen dämmerte es. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen und Kalles Augen begannen wieder zu leuchten.
»Dann warst DU dieses knorrige Geäst bei uns unter der Veranda?«, wollte Kalle wissen.
»Nun ja«, räusperte sich die Stimme. »Das war nicht ganz so alltäglich, ziemlich unbequem und … lassen wir das! Wisse einfach, dass Du mich jederzeit erreichen kannst.«
In diesem Augenblick tippte jemand oder besser etwas unserem Kalle auf die Schulter. Sofort drehte der Bursche sich um und staunte. Direkt hinter ihm hatte sich ein mächtiger Baum postiert, auf dessen breitem knochigem Stamm ein lustiges Gesicht zu sehen war.
»Du wolltest mich SEHEN? Da bin ich!«, grinste der Baum.
»Karun …«, entfuhr es unserem Kalle, der immer noch nicht wusste, wie ihm geschah.
Das Grinsen des Baumes wurde immer breiter und seine Augen rollten lustig im Kreis herum. Fast hätte Kalle vergessen, warum er Karun treffen wollte. Jetzt, wo er dieser Legende gegenüberstand, fühlte er sich so glücklich und sorgenlos, dass er alles um sich herum vergaß.
Karun jedoch schwieg, lächelte und wartete ab.
Plötzlich traf es unseren Burschen wie ein Blitz. Die kleine Betty hatte sich nämlich in seinem Hemd herumgedreht und ihn mit ihrem buschigen Schwanz gekitzelt. Kalle erinnerte sich!
»Öseblöm bat mich, Dich zu fragen, ob Du vielleicht wüsstest, wo wir unseren Freund Don Carlos finden können. Der Adler braucht dringend unsere Hilfe. Und wenn ich schon dabei bin, vielleicht kannst Du mir auch noch sagen, wo wir die kleine Marie finden können. Geht es unseren Freunden gut?«
»Du stellst vielleicht Fragen, junger Mann«, bemerkte Karun. Dabei rubbelte er sich mit einem seiner Äste so oberhalb seiner Stirn, dass es aussah, als würde sich ein Mensch nachdenklich am Kopf kratzen.
»Don Carlos …«, wiederholte Karun nachdenklich.
»Der hat wirklich ein Problem! Aber das Schäfchen …, dem geht es gut. Du musst nicht nach ihm suchen. Es steckt in GUTEN Händen …«
»Was heißt, ich muss nicht danach suchen. Wie kommt es denn wieder zur Herde zurück? Und was bitte meinst Du mit STECKT in guten Händen?«
»Das sind viele Fragen, junger Freund. Zu viele!«, entschied Karun und das Gesicht auf dem Baum zog sich langsam zurück und verschwand wieder. Zurück blieb ein gewöhnlicher Baum, dessen Äste weit ausladend geruhsam im Wind tanzten.
»Karun?«, fragte Kalle, aber er erhielt keine Antwort.
Jetzt kam die kleine Betty aus seinem Hemd hervorgekrochen.
»Hast Du gerufen?«
»Nicht Dich«, entgegnete Kalle. »Karun, ich habe nach Karun gerufen.«
»Ja, den sollten wir langsam mal treffen«, stellte das Eichhörnchen fest.
»Aber das haben wir doch gerade!«, erwiderte der Bursche fassungslos. »Sag mir nicht, dass Du davon nichts mitbekommen hast?!«
Kalle konnte es nicht glauben. »Hast Du etwa geschlafen?« – »Nein«, widersprach Betty. »Ich war die ganze Zeit über wach. Ganz bestimmt.« – »Ja, habe ich das alles nur geträumt, oder wie?« – Der junge Bursche war außer sich. War das tatsächlich möglich? Er traf Karun, den Herrn des Waldes und seine Freundin Betty verschlief die Begegnung mit dieser Legende! »Wir sollten zusehen, dass wir uns mit Öseblöm treffen«, stellte Kalle fest und ging entschlossen in Richtung Waldausgang oder Eingang, je nachdem von wo aus man es betrachtete. Kaum hatten sie den Wald verlassen, verspürte unser Kalle einen warmen Windstoß. »Öseblöm …«, flüsterte eine Stimme. »Sei ihm ein GUTER FREUND …«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«