Ziemlich Dunkel
»Hattet Ihr wieder einen schönen Tag?!«
Dann ist es jetzt wieder an der Zeit, diesen Tag mit einer schönen Gutenachtgeschichte ganz sanft zu beschließen. Sobald Ihr bereit seid, können wir beginnen. Schließt also bitte Eure Augen, spitzt Eure Ohren und passt gut auf, denn der Adler Don Carlos scheint ja wirklich in ein richtiges Schlamassel geraten zu sein …
»Wieso ist Don Carlos krank?«, fragte Dralle und zupfte wieder an seinem Hosenbund herum. »Ich dachte, der Adler vom hohen Berg hat einfach nur Hunger!«
»Hunger?«, wiederholte die kleine Marie nun ihrerseits ziemlich verdutzt. »Wieso Hunger? Es gibt doch überall genügend zu fressen für einen Adler.«
»Da hast Du wohl recht«, erklärte Öseblöm. »Aber unser Freund Don Carlos hat ein ernstes Problem mit seinem Futter. Er kann nämlich mit seinem Essen reden, verstehst Du?«
Marie verstand überhaupt nichts.
»Wer redet denn mit seinem Essen?«, überlegte die Kleine laut.
»Eine gute Frage«, mischte sich Handan ein. »Aber genau genommen spricht Don Carlos nicht mit seinem Essen, sondern mit seiner Beute. Und wenn die ihm erzählt …«
Weiter kam Handan nicht.
»Ah, ich verstehe!«, rief Marie. »Deshalb hat Don Carlos so unglaublich viele Freunde …«
Dralle zog wieder an seiner Hose herum, die ihm immer wieder herunterrutschte.
»Du musst einfach Deinen Gürtel etwas enger schnallen«, riet ihm Kreszenz, dem Dralles Gezerre an der Hose aufgefallen war. Unser Dralle kratzte sich am Hinterkopf, nickte kurz und zog seinen Gürtel ein ganzes Loch enger.
Der Wanderer schaute sich noch einmal um. Die Sonne stand schon tief am Horizont. Es wurde Zeit, schließlich wartete Amira auf der anderen Seite des Berges.
»Lasst uns gehen«, schlug er vor und machte die ersten Schritte in die Höhle hinein.
Das Schäfchen Marie blieb für einen kurzen Augenblick wie verwurzelt stehen. Öseblöm hatte sie nicht zurückgeschickt.
»Ich darf mitkommen?!«, rief Sie voller Freude.
Öseblöm blickte kurz zurück.
»Aber sicher«, antwortete er. »Freunde mit soviel Mut können wir immer gebrauchen. Und jeder Freund ist uns eine willkommene Hilfe.«
Handan lächelte bei diesen Worten.
»Müssen wir wirklich durch den ganzen Berg?«, fragte er.
Der Riese erinnerte sich, dass er auf allen Vieren krabbeln musste.
»Falls wir Don Carlos hier nicht finden, dann schon!«, entgegnete Öseblöm.
Jetzt betraten die Abenteurer einer nach dem anderen die vergessene Höhle. Das riesige Gebüsch am Höhleneingang wartete, bis auch der Letzte in der Höhle war. Dann verschloss es den Eingang und verbarg abermals sein Geheimnis vor den neugierigen Augen manch Fremder. So sorgte es auf seine Weise, dass die Höhle unter dem hohen Berg seit Jahrtausenden in Vergessenheit geraten konnte.
Zunächst war es noch dämmrig, aber je weiter unsere Freunde voranschritten, desto dunkler wurde es. Öseblöm schritt voran und die anderen folgten ihm vorsichtig.
»Aua!«, schrie plötzlich Handan.
Alles blieb sofort stehen vor Schreck.
»Du hast mir auf den Fuß getreten.«
»Wer?«, fragten nun alle wie im Chor.
»Na du«, meinte Handan und stupste Dralle an die Schulter.
»Verzeihung«, bat Dralle um Entschuldigung. »Aber es ist so verflixt duster hier.«
»Ist schon gut«, meinte der Riese, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. »Es hätte ja auch mir passieren können …«
»Das wäre aber gar nicht gut«, bemerkte Kreszenz und schlug vor, dass sich doch alle an der Hand halten könnten.
»Ich habe aber keine Hände«, beschwerte sich Marie. »Und wenn Handan mir auf meinen Fuß tritt …«
»Es ist wirklich ziemlich dunkel hier«, seufzte Dralle und klang bereits ein wenig verzweifelt.
»Psst«, sagte Öseblöm. »Wir sollten jetzt alle ruhig sein und warten.«
Erst jetzt bemerkten die Freunde die geheimnisvolle Stille, die sich in der Höhle breitmachte. Das Gebüsch hatte den Eingang mittlerweile dichtgemacht. Kein einziger Lichtstrahl drang noch durch das Gewächs. Und so standen die Freunde in einer riesigen Höhle und lauschten …
»Du bist sicher, dass wir hier nur WARTEN müssen?«, fragte Marie nach einiger Zeit. Die Stille füllte sich mit einer unerträglichen Spannung. »Worauf denn, wenn ich fragen darf?« – »Normalerweise sollten wir jetzt von jemandem aus dem Lichtervolk begrüßt werden«, antwortete Öseblöm. »Aber Ihr habt recht. Es ist ziemlich still und es ist ziemlich dunkel hier.«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«