Hilfe im Tiefflug
»Es ist soweit! Die nächste Geschichte steht bereit!«
Ich hoffe doch, Ihr seid bestens vorbereitet. Also deckt Euch jetzt gut zu. Macht es Euch bitte in Eurem Bett so richtig gemütlich. Ihr wisst doch, für eine wirklich gute Geschichte lohnt es sich, die Augen geschlossen und die Ohren offen zu halten. Daher passt nun gut auf, denn wir begeben uns sogleich zu unseren Freunden auf die Veranda des Burschenhauses.
Dort lag Don Carlos noch immer wie ein herzerweichendes, abgemagertes Bündel und blickte hilflos in die Runde. Öseblöm löste nun langsam den Knoten des Halstuchs und der Adler lies es bereitwillig geschehen. Dalin flößte ihm unbeirrt einen weiteren Löffel Suppe ein. Don Carlos Blick wurde klarer.
»Was machen wir nur mit Dir?«, fragte Öseblöm und suchte fieberhaft nach einer Lösung.
»Du musst etwas essen!«, bestand Balthasar auf die einzige Lösung, die ihm einfiel.
»Wenn er eine Kuh wäre, dann wäre es ganz einfach«, sprach Mallewutz laut seine Gedanken aus, die ihm gerade durch den Kopf gingen.
Unsere Freunde machten sich wirklich große Sorgen. Jeder dachte angestrengt darüber nach, wie sie Don Carlos würden helfen können. Doch gerade als sich eine bedrückende Stille auf der Veranda ausbreiten wollte, begann der Boden unter ihren Füßen zu erzittern. Es kam plötzlich und unerwartet. Der Tisch zitterte ebenfalls und bewegte sich langsam auf der Terrasse hin und her.
»Was um alles in der Welt …?!«, entfuhr es Dalin. Zwar hielt er den Löffel fest in seiner Hand, aber die Suppe darauf folgte eigenen Gesetzen und ergoss sich über dem armen Don Carlos.
»Ahrg!«, würgte der nur hervor und versuchte seinen Kopf beiseite zu drehen.
»Mir scheint, unsere Freunde sind im Anflug«, bemerkte Öseblöm erleichtert.
»Jetzt schon?«, zweifelte Amira. »Seit wann können die denn fliegen?«
Das Beben wurde stärker und stärker, begleitet von einem langsam anschwellenden Donnern. Malle, Mallewutz und Balthasar hielten sich instinktiv ihre Ohren zu. Dalin hingegen blickte auf und runzelte missbilligend seine Stirn, dabei verdrehte er genervt seine Augen.
»Dieses Erdbeben ist sicher KEINE Hilfe!«, brummte er.
»Ich hoffe nur, sie bremsen rechtzeitig«, sagte Öseblöm, als das Dröhnen und Donnern schon zum Greifen nah erschien.
Und da waren sie auch schon, der Riese aus Wurzelbruck, mit einem Schäfchen unter dem Arm und auf seinen Schultern die jungen Burschen Ralle und Kreszenz. Direkt neben ihm »flog« Kalle quasi im Tiefflug mit den Wanderstiefeln Dix und Dax in atemberaubendem Tempo auf das Dorf zu. Zurück ließen sie eine riesige Staubwolke, dessen Staubkörner glitzernd im Sonnelicht tanzten und nur ganz langsam wieder zu Boden sanken.
»Vielleicht sollten wir langsamer werden …!«, brüllte Kalle dem Riesen zu.
Handan jedoch schien seinen Freund nicht zu hören – kein Wunder, bei dem Getöse. Der Riese marschierte weiter und donnerte bereits durch die ersten Dorfstraßen, dicht gefolgt von unserem Kalle, der auf keinen Fall zurück bleiben wollte.
Zum Glück machten die beiden so viel Lärm, dass sich kein einziger Dorfbewohner aus dem Haus traute. Sonst wäre es womöglich auch noch zu einem Unfall gekommen.
So aber erreichten unsere beiden Abenteurer ungebremst die Veranda des Burschenhauses. Und das war ein sehenswertes Schauspiel!
Zuerst erschien Handan vor dem Haus. Wie aus dem Nichts stand er plötzlich vor der Veranda. Na ja, er stand natürlich nicht, sondern er erschien schlagartig in voller aufrechter Größe, nur um einen winzigen Augenblick später schon wieder verschwunden zu sein. Jetzt tauchte Kalle auf, der mit einem lauten »Uaaaah!«, ebenfalls in die Höhe stieg, noch einen Tritt auf das Hausdach machte, um letztlich in den Wipfeln des großen Baumes hinter dem Haus einen Halt zu finden.
Öseblöm und die drei Burschen waren sofort von der Veranda gestürzt und sahen gerade noch, wie Kalle in die Baumkrone hineinflog und Handan mit ausgestreckten Armen über das Hausdach segelte und unsanft weit hinten im Garten landete. Die Landung selbst sahen sie natürlich nicht, aber dem lauten Krachen zufolge, konnten sie sich schon denken, wie es ausgegangen war.
Stille.
Jetzt folgte die Staubwolke und hüllte die ganze Veranda ein.
Öseblöm hustete und prustete. Die Burschen auch. Jeder hielt sich den Mund zu und versuchte nicht zu atmen.
»Was für eine Landung!«, erscholl es begeistert aus dem Garten hinter dem Haus. Handan hatte sich schon wieder aufgerappelt, die beiden Burschen immer noch auf seiner Schulter. Kalles Seil leistete einfach gute Dienste und das Schäfchen Marie fühlte sich unter dem Arm des Riesen wohl behütet und gut aufgehoben. Nur unser Kalle wirkte etwas hilflos in der Baumkrone.
Nachdem Ralle und Kreszenz wieder festen Boden unter den Füßen verspürten, stürmten sie sofort auf die Veranda. Auch Marie rannte so schnell sie konnte hinterher. Schließlich wollten sie alle wissen, wie es um Don Carlos bestellt war.
Der Riese Handan hingegen richtete sich auf und half Kalle vom Baum herunter.
»Das wäre geschafft«, sagte er. – »Ja«, antwortete Kalle. »Don Carlos haben wir gefunden. Aber ob wir ihm auch helfen können …?« – So versammelten sich die Freunde alle auf der Veranda. Nur Handan saß, wie immer, vor dem Haus. »Jetzt, wo er kein Halstuch mehr trägt, müsste das Problem doch erledigt sein«, sagte er erleichtert. – »Eben nicht«, brummte Balthasar. »Das ist ja das Problem.«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«