… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Lautes Flüstern

»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«

Lasst uns den heutigen Tag mit einer schönen Geschichte zu Ende bringen. Schließlich entwickeln sich die Abenteuer unserer Freunde prächtig. Darum wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hüpft also wieder schnell ins Bett und deckt Euch gut zu. Schließt nun Eure Augen und macht Eure Ohren ganz weit auf, denn der Riese Handan liegt noch immer vor dem Wohnhaus von Bauer Rums.

Mit einem unglaublichen Krachen, gefolgt von einem gewaltigen Beben ging Handan zu Boden. Kreszenz, der diesmal nicht durch ein Seil gesichert war, wurde durch die Luft gewirbelt und flog in einem weiten Bogen über den Innenhof.

Pimpinelle erstarrte vor Schreck und ließ den Milcheimer polternd zu Boden fallen. Ihr könnt Euch denken, dass Bauer Rums nicht einfach bei seinen Kühen blieb. Kaum dass er das erste Krachen vernahm, sprang er von seinem Melkstuhl und rannte zum Scheunentor. Dort sah er gerade noch, wie Kreszenz am Boden entlang purzelte und schließlich auf dem Bauch liegen blieb.

Das unüberhörbare Getöse hatte sogar Mama Rums aus dem Haus kommen lassen.

»Was ist denn hier los?«, rief sie laut und hielt sich am Türstock fest, als der Boden noch ein wenig nach bebte.

Anton Rums stand mit heruntergeklappten Kinnladen neben seiner Tochter, die in diesem Augenblick ihre Fassung zurückerlangte. Ohne zu zögern lief sie zu Kreszenz, um zu nachzuschauen, ob diesem etwas passiert war.

»Danke, mir fehlt nichts«, sagte Kreszenz und richtete sich langsam auf. »Allerdings habe ich schon bessere Landungen erlebt.«

Der Riese Handan jedoch lag noch immer seitlings mit ausgestreckten Armen auf dem Innenhof. Mama Rums war es schließlich, die unbeeindruckt auf den Riesen aus Wurzelbruck zusteuerte und ihn fragte: »Bist Du immer so stürmisch?«

»Verzeihung«, flüsterte Handan. »Ich bin wohl über meine Füße gestolpert.«

Danach begann er, sich vorsichtig aufzurichten. Auch Anton Rums fand seine Fassung wieder und machte ein paar Schritte auf den Riesen zu.

»Hast Du keine Angst?«, fragte er seine Frau, als er neben ihr zu stehen kam. Ihm selbst war etwas unwohl zumute. Wer hat denn schon einen Riesen vor seiner Haustür liegen? Nur gut, dass er Handans Bekanntschaft bereits gemacht hatte.

»Warum sollte ich vor Riesen Angst haben?«, fragte Miriam ihren Mann. »Es ist ja nicht so, dass ich noch nie einen Riesen gesehen hätte, nicht wahr?«

Bauer Rums schaute seine Frau entgeistert an. Er war ziemlich sicher, dass sie Handan bis jetzt nicht begegnet war. Und von Riesen hatte man in ihrem Dorf bis vor Kurzem niemals etwas gehört.

»Wo also hat meine Frau schon einmal einen Riesen gesehen?«, dachte er und schaute sie fragend an.

Jetzt wurde auch der Riese von Wurzelbruck hellhörig.

»Du hast schon einmal einen Riesen gesehen?«, flüsterte er leise. Handan wollte niemanden mit seiner Stimme erschrecken.

»Natürlich«, antwortete Mama Rums, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. »Und Du musst Handan sein. Was verschafft uns die Ehre?«

Jetzt wusste Papa Rums endgültig, dass seine Frau vollständig genesen war. Mittlerweile hatte sich auch Kreszenz wieder aufgerappelt. Zusammen mit der kleinen Pimpi standen sie nun vor dem Riesen.

»Du hast schon einmal einen Riesen gesehen?«, fragte Handan noch mal und versuchte noch immer zu flüstern. Doch vor lauter Aufregung wurde seine Stimme laut.

Mama Rums hielt sich ihre Ohren zu, die anderen auch.

»Entschuldigung«, flüsterte Handan. »Aber Du hast wirklich schon einmal einen Riesen gesehen, so richtig lebendig und so groß wie ich?«

»Größer«, antwortete Mama Rums. »Die waren größer. Allerdings scheinst Du ja noch jung zu sein …«

»Die?«, wiederholte der Riese. »Es waren mehrere?!« Wieder wurde seine Stimme laut, ja, sie überschlug sich geradezu.

»Könntest Du vielleicht etwas leiser flüstern«, bat Pimpi den Riesen von Wurzelbruck und hielt sich immer noch die Ohren zu.

»Verzeiht«, bat Handan abermals um Entschuldigung.

Der Riese war wie vom Donner gerührt über diese Nachricht. Wie lange hatte er nach Menschen seiner Art gesucht. Aber wohin er auch kam, er traf immer nur auf die kleine Ausführung. Dabei geriet seine Hoffnung zunehmend unter die Räder der Verzweiflung.

»Wo …?«, fragte er noch, wurde aber von Kreszenz unterbrochen.

»Wir suchen hier keine Riesen, mein Freund!«

Handan war derartig überrascht von diesen Neuigkeiten, dass er den Grund für ihren Besuch bei der Bauernfamilie schon fast vergessen hätte.

»Entschuldigt«, flüsterte er ein weiteres mal. Danach begann Kreszenz zu erzählen. Der junge Bursche fasste sich kurz und erklärte das Problem. – »Don Carlos frisst nicht mehr?«, fragte Pimpi. »Das ist ja furchtbar!« – Bauer Rums kratzte sich nachdenklich an seinem Kinn.  Dann lächelte er. »Das ist keine schlechte Idee«, sagte er plötzlich. »Das ist wirklich keine schlechte Idee …« – »Was für eine Idee?«, fragte Pimpinelle. – »Ja, von was für einer Idee sprichst Du?«, wollte nun auch Mama Rums wissen.

Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«