Neue Pläne
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Dann wollen wir doch ganz rasch beginnen. Legt Euch also schnell ins Bett; Ihr wisst doch, eine gute Gutenachtgeschichte liest sich am besten in einem schönen, gemütlichen Bett. Daher deckt Euch gut zu und machte es Euch wieder so richtig gemütlich. Jetzt heißt es Augen zu und Ohren ganz weit auf, denn unsere Burschen sitzen bereits auf ihren Bänken und schmieden Pläne.
»Wie soll es nun weitergehen?«, fragte Balthasar in die Runde.
»Helfen, habe ich gesagt«, murrte Dalin. »Was ist denn daran so schwer zu verstehen?«
Plötzlich ging ein Ruck durch unsere Freunde und alle fassten mit an, um aufzuräumen und zumindest den schlimmsten Staub von der Veranda und den Fenstern zu entfernen. Der Sandsturm war wirklich heftig gewesen. Dix und Dax standen ganz brav unter dem Tisch und warteten auf Kalle, dass er sie wieder anziehen würde. Doch der junge Bursche scheute sich noch; innerlich jedoch hüpfte sein Herz vor Freude.
»Es wird Zeit fürs Abendessen«, stellte Dalin fest, als sein Blick auf die langsam untergehende Sonne fiel. Der ganze Tag war verflogen und alle wunderten sich, wie die Zeit so schnell vergehen konnte.
Keinem unserer Freunde fiel auf, dass sich Mallewutz nach wie vor in sein Zimmer zurückgezogen hatte. Der Bursche lag noch immer mit unter seinem Kopf verschränkten Armen auf seinem Bett und starrte gedankenverloren an die Decke.
Nachdem Tisch, Bänke und Schaukelstuhl wieder an ihrem wohlvertrauten Platz standen, begannen Balthasar und Kreszenz den Tisch zu decken. In kurzer Zeit verwandelte sich die Veranda wieder in den heimischen Ort, an dem Abends gemütlich Geschichten erzählt wurden.
»Und wie geht es JETZT weiter? «, wiederholte Balthasar und warf einen vielsagenden Blick zu Dalin, dem Zwerg, dem es plötzlich deutlich besser zu gehen schien.
Dalin saß in »seinem« Schaukelstuhl und wippte gemütlich hin und her; dabei hielt er seine Flöte in Händen und tätschelte sie ab und zu, als wolle er sich bei ihr bedanken.
»Wie soll es schon weitergehen?«, fragte Kalle. »Ihr geht morgen wieder zur Schule und wir müssen aufs Feld zur Arbeit. Außerdem warten wir darauf, dass Don Carlos wieder gesund wird.«
»Don Carlos«, das war das Stichwort!
»Wo ist eigentlich Amira?«, wollte Kreszenz wissen. Dem Jungen fiel auf, dass die Adlerdame noch nicht zurückgekehrt war. »Hat sie etwa der Sandsturm …?«
»Nein, nein«, beruhigte Ralle die Abenteurer. »Sie ist gleich hier.«
»Woher weißt Du das?«, fragte Balthasar, dem das seltsame Benehmen seines Freundes schon aufgefallen war. Nicht nur dass er sein Aussehen und seinen Namen änderte; Ralle stand augenscheinlich auch noch mit Amira in einer geheimnisvollen Verbindung.
»Ich fühle es«, versuchte Ralle eine Erklärung.
Das wiederum stellte unseren Balthasar zufrieden. »Fühlen« war etwas, worauf er sich gut verstand. Aber Balthasar hatte seine Frage nicht vergessen!
»Das meine ich nicht, Kalle«, beharrte der Kleine auf seine Frage und wurde noch etwas genauer: »Wenn Du jetzt Öseblöms Wanderstiefel hast, wie kann Öseblöm dann nach seinen Eltern suchen?«
Plötzlich wurde es still in der Runde. Betretenes Schweigen breitete sich aus. Dix und Dax standen dicht bei Kalle und klapperten in die Stille hinein. Dann schlich Dix ganz vorsichtig zu Öseblöms Füßen und berührte den Wanderer ganz sanft an der Ferse.
Unser Abenteurer blickte zu seinen nackten Füßen herunter und lächelte unwillkürlich. Jetzt kam auch Dax hinzu und drückte sich kurz an seinen früheren Herrn.
Balthasar, der neben Öseblöm saß, bemerkte sofort, was da unter dem Tisch passierte.
»Sie wollen zurück zu Dir?!«, stellte er fest, aber es war mehr fragend gemeint.
Kaum hatte er ausgesprochen, standen die Wanderstiefel wieder bei Kalle.
»Ich glaube nicht«, antwortete Öseblöm. »Wir hatten eine schöne Zeit, aber nun müssen wir wohl neue Pläne machen.«
»Genau das habe ich gemeint, mit meiner Frage: Und wie geht es jetzt weiter?«, fügte Balthasar ärgerlich hinzu. Der kleinste der fünf Burschen wollte endlich ernst genommen werden.
»Und wie sollten diese Pläne aussehen?«, zweifelte Kreszenz. »Ohne solche Wanderstiefel wird unser Freund wohl nicht weit kommen«, stellte der Sohn des Bürgermeisters fest.
»Das würde ich so nicht sagen«, ertönte eine wohlbekannte Stimme vom Verandageländer. Amira war zurück! »Schließlich hatte unser Öseblöm seine Reise auch ohne Wanderstiefel begonnen, ja, er wusste nicht einmal, dass es solche Stiefel überhaupt gibt. Das alles hat ihn nicht daran gehindert, nach seinen Eltern zu suchen, nicht wahr?«
»Und ich finde, WIR sind schon weit gekommen.« Mit diesen Worten schwang sich die Adlerdame kurz auf und landete auf den kräftigen Schultern ihres neuen Freundes. Ralle lächelte nur still und glücklich; die Leere, die er eben noch gefühlt hatte, war wieder verschwunden.
»Ich weiß nicht, was Eure Pläne sind,« meldete sich Dalin zu Wort, »aber ich für meinen Teil werde morgen früh weiterziehen. Für mich wird es Zeit.«
Die Freunde saßen da, wie vom Donner gerührt. Dalin wollte sie verlassen. Nun war es nicht gerade so, dass niemand damit rechnen konnte, aber alle hatten diesen geheimnisvollen Zwerg ins Herz geschlossen. Und ausgerechnet jetzt, wo Öseblöm jede Hilfe brauchen konnte, wollte Dalin gehen.
Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«