… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Leeres Dorf

»Es ist soweit! Seid Ihr bereit?«

Wir wollen doch unsere Freunde nicht unnötig warten lassen, oder? Darum geht jetzt ganz schnell in Euer Bett; deckt Euch gut zu und macht es Euch wieder so richtig gemütlich. Nun schließt bitte Eure Augen und macht Eure Ohren weit auf. Wenn Ihr dann auch noch Eure Herzen öffnet, können wir uns sogleich zum Mühldorf begeben, denn unser Kalle stürmt gerade den Hügel hinauf.

Mit der Geschwindigkeit einer Dampflokomotive raste Kalle den Hügel hinauf und erreichte die ersten Häuser des Mühldorfs. Jetzt erst bremste er abrupt ab und kam nach wenigen Schritten zum Stehen. Die Staubwolke hinter ihnen zog noch ein wenig weiter an unseren Abenteurern vorbei und brauchte einige Zeit, bis sie sich langsam zu Boden senkte.

Das alles jedoch blieb ungesehen und passte zu der unheimlichen Stille, die sich ausbreitete.

Kalles Lächeln wich einem überraschten Staunen.

»Niemand zuhause?«, rief er.

Dalin stand mittlerweile wieder auf eigenen Füßen und schaute sich nach allen Seiten um.

»Die Windräder der Mühlen stehen still«, bemerkte er.

»Du siehst, Du hast Dir ganz umsonst Sorgen gemacht«, sagte Kalle. »Es ist überhaupt keiner da, dem wir hätten Angst machen können.«

»Das ist vielleicht schon geschehen«, überlegte Dalin laut und ging langsam auf das erstbeste Haus zu, das ihm in den Blick kam.

Ein paar Stufen führten hinauf zu einer schweren Eingangstür. Der Zwerg klopfte vorsichtig.

Stille.

Dalin klopfte noch einmal; diesmal energischer. Das laute Pochen schallte über die Straße und wirkte in der angespannten Stille fast bedrohlich.

»Das ist ja unheimlich«, sagte Kalle. »Seit wann ist das Mühldorf unbewohnt?«

»Es ist nicht unbewohnt«, widersprach Dalin und klopfte noch einmal. Abermals dröhnte das laute Klopfen die Straße entlang und wurde von Haus zu Haus weitergetragen.

»Woher weißt Du das?«, fragte Kalle.

»Ich habe es gesehen«, antwortete der Zwerg. »Vorhin hatten sich die Mühlräder noch gedreht. Jetzt aber sind die Segeltücher abgenommen und die Flügel stehen still.«

»Das heißt …«, begann der junge Bursche.

»… Sie wissen, dass wir hier sind«, vollendete Dalin den Satz seines Freundes.

»Und was machen wir jetzt?«, wollte Kalle wissen, der sich immer noch nicht vorstellen konnte, wie viel Angst die beiden bei den Dorfbewohnern ausgelöst hatten.

»Wir gehen zum nächsten Haus und probieren es dort«, sagte Dalin, ging die Stufen hinunter und schnurstracks zum Nachbarhaus; dort die Stufen wieder rauf und klopfte.

Erneut unterbrach das Klopfen die gespenstische Stille.

Unser Kalle hatte sich alles mögliche vorgestellt, aber nicht ein verlassenes Dorf. Öseblöm hatte auch nichts darüber erzählt. Nun ja, fremde Dorfbewohner wirken immer seltsam, aber hier waren keine Dorfbewohner.

Als Dalin schon zum nächsten Haus wollte, hielt Kalle ihn an der Schulter zurück.

»Lass es mich einmal versuchen«, sagte er.

Nun klopfte Kalle an eine schwere und prachtvolle Haustür. Es war ihm, als hätte er noch eine Stimme gehört.

»Zwerg, es ist ein Zwerg!«, ertönte es aus dem Haus.

»Psst …«, dann folgte wieder dieses eisige Schweigen.

Kalle klopfte noch einmal. Aber die Antwort war unnachgiebiges Schweigen.

»Das gibt es doch gar nicht«, sagte Kalle und schüttelte den Kopf.

»Hast Du das auch gehört?«, fragte Kalle seinen Begleiter. Dalin stand inzwischen neben ihm. Er nickte nur und sprach kein Wort.

Nun ergriff Kalle vorsichtig die Türklinke, bog sie langsam herunter und drückte mit aller Kraft gegen die schwere Eingangstür.

»Was tust Du?«, zischte Dalin. »Das dürfen wir nicht!«

Die Tür gab nach und öffnete sich. Drinnen im Haus war es relativ dunkel. Nur durch zwei kleine Fenster drang das morgendliche Sonnenlicht, brach sich seine Bahn und beleuchtete einen frisch gedeckten Frühstückstisch. Der Tisch schien gerade erst verlassen.

»Jemand zuhause?«, fragte Kalle und trat ein. Dicht hinter ihm folgte Dalin; dem Zwerg war nicht ganz wohl bei der Sache. »Hallo!«, rief Kalle laut. »Ist jemand zuhause?« – Keine Antwort. Kalle klopfte noch einmal von innen gegen die Eingangstür, aber es rührte sich nichts. Unsere Freunde schauten sich nach und nach in allen Zimmern um – das Haus war leer! – »Lass uns gehen«, schlug Dalin vor und so verließen die Abenteurer das leere Haus. Kalle ging zum nächsten Haus, aber auch das war leer und das Dritte und das Vierte … Alle Häuser des Mühldorfes waren leer. Kein Bewohner weit und breit. Für Kalle und Dalin war das ein großes Rätsel.

Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«