Flüsterfeld
»Es ist soweit! Seid Ihr bereit?«
Dann lasst uns den heutigen Tag mit einer schönen Geschichte beenden. Habt Ihr es Euch auch richtig kuschelig? Deckt Euch jetzt bitte gut zu; schließt Eure Augen und macht Eure Ohren ganz weit auf und nicht vergessen: Eure Herzen solltet Ihr ebenfalls weit aufmachen, denn unsere Freunde können jede liebevolle Unterstützung gut gebrauchen.
Während Kalle und Dalin sich also um das Mittagessen kümmerten, machten Malle und Ralle auf dem Feld gerade eine Pause.
»Meinst Du, wir sollten zuhause vorbeischauen?«, fragte Ralle. »Wenn unsere beiden von der Schule heimkommen, ist ja überhaupt niemand da. Wer macht ihnen denn das Essen?«
Ralle sorgte sich um seine kleinen Freunde. Er sprach aus, was er gerade dachte. Und es fiel ihm in diesem Moment ein, dass sie zwar Pläne für die Reisen und Abenteuer gemacht hatten, aber eben niemand an die Kleinsten gedacht hatte.
»Wenn Balthasar das Frühstück machen kann, und das Abendbrot, so wird er sich wohl auch jetzt etwas zu Essen zubereiten können, meinst Du nicht?«, antwortete Malle, der irgendwie mürrisch wirkte.
»Was ist mit Dir?«, wollte Ralle wissen.
»Ja, was ist mit Dir …?«, ertönte es wie von einem Echo von allen Seiten.
Malle hielt sich seine Ohren zu.
»Also so laut spreche ich nun auch wieder nicht«, beschwerte sich Ralle; der dachte, Malle wolle ihm nicht mehr zuhören.
»Ja genau, wir sprechen nicht laut …«, erklang es abermals von allen Seiten. Fast schien es, als würden tausend leise Stimmen gemeinsam flüstern. Dieses Flüstern schwoll an und brach über Malles empfindliche Ohren herein.
Ralle jedoch, bemerkte nichts davon.
»Hey, was habe ich Dir getan?«, fragte Ralle mit unschuldiger Miene. Er war sichtlich verwundert über seinen Freund. Malle drehte ihm den Rücken zu und hielt sich seine Ohren noch fester zu.
»Was haben wir ihm nur getan …«, das Flüstern donnerte über das Feld und ließ sich auch von Malles Fäusten nicht abhalten. Es erklang direkt in seinem Kopf.
Da Ralle nichts weiter hörte als das Zirpen einiger Grillen und dem gelegentlichen Zwitschern von ein paar Vögeln, erschien ihm Malles Reaktion fast beleidigend.
Malle jedoch hatte bereits Tränen in den Augen. Die Stimmen wurden immer lauter und äußerten ihr Befremden über Malles Verhalten.
»Was hat er nur? Ja, was hat er nur? Wir haben ihm doch nichts getan! Kann er uns etwa hören? Tatsächlich, er kann uns hören …«, die Stimmen erhoben sich von allen Seiten und ihr Flüstern vermischte sich mit dem leisen Säuseln des Windes.
»Ja, ich kann Euch hören!«, brüllte nun Malle laut. »Seid endlich ruhig!«
»Wie redest Du denn mit mir?«, schnaubte Ralle, der einfach nicht begriff, was gerade vor sich ging.
»Genau, wie redet der denn mit uns?«, kam es wie aus einem Chor verstärkt von allen Seiten zurück.
Plötzlich begriff Ralle, sprang auf, riss seinem Freund das Halstuch herunter und warf es auf den Boden. Mit einem Schlag empfand Malle wieder die friedliche Stille, die er immer bei der Arbeit so genossen hatte.
»Danke«, sagte er.
»Es scheint gar nicht so einfach zu sein, mit so einem Halstuch«, stellte Ralle fest.
»Jetzt verstehe ich, wie es Don Carlos erging«, stellte Malle fest.
»Wenn ich es recht verstanden habe, ergeht es ihm immer noch so«, meinte Ralle.
»Vielleicht sollten wir doch erst einmal heimgehen. Du kannst Öseblöm ja sein Halstuch zurückgeben, sobald er wieder da ist.«
»Auf keinen Fall«, entgegnete Malle. »Es muss einen anderen Weg geben; schließlich ist Öseblöm ja auch nicht verrückt geworden mit seinem Halstuch.«
»Du vergisst, dass Öseblöm sein Halstuch nicht benötigt, um mit Tieren und Pflanzen zu sprechen«, erinnerte Ralle seinen Freund an die ungewöhnlichen Fähigkeiten des geheimnisvollen Wanderers.
»Du hast recht. Lass uns jetzt nach Hause gehen.«
Mit diesen Worten packte Malle seine Sachen und griff nach dem Halstuch.
»Sie wollen gehen …, sie wollen wirklich schon gehen«, ertönten die leisen Stimmen über das ganze Feld. Sie wirkten tatsächlich ein wenig traurig. Malle jedoch freute sich schon auf seine Ruhe.
»Was hast Du denn gehört? Also, ich meine, wen hast Du denn gehört?«, wollte Ralle von seinem Freund wissen.
»Das weiß ich nicht«, antwortete Malle. – »Du weißt nicht, was Du gehört hast?« Ralle war verblüfft. »Doch schon, aber ich weiß nicht, wen ich gehört habe«, erklärte Malle sein Problem. »Es kam von allen Seiten und sie redeten alle auf mich ein.« – »Dann hat unser Feld mit Dir gesprochen?«, fragte Ralle. »Kann schon sein«, entgegnete Malle und zuckte mit den Schultern. Er wollte nur noch heim. – »Ich wusste gar nicht, dass wir ein so geschwätziges Feld haben«, stellte Ralle fest, packte ebenfalls seine Sachen und folgte seinem Freund.
Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«