Ferngespräch
»Ich hoffe, Ihr hattet einen schönen Tag?!«
Dann ist es jetzt wieder an der Zeit, diesen Tag mit einer wunderbaren Geschichte zu beenden. Daher hüpft nun ganz schnell in Euer Bett und deckt Euch gut zu. Macht es Euch so richtig gemütlich. Sodann schließt Eure Augen und spitzt Eure Ohren; gebt gut acht, denn wir begleiten unsere Freunde bei ihrem wirklich aufregenden Abenteuer …
Ralle saß mit seinen Freunden auf der Veranda. Der Bursche hielt seine Augen halb geschlossen und konzentrierte sich.
»Betty hat Amira gebissen«, sagte er.
»Was?«, riefen alle wie aus einem Mund. Ungläubiges Staunen mischte sich mit großer Sorge.
»Wir hätten ihnen das Halstuch mitgeben sollen«, meinte Malle. »So können sie sich einfach nicht verständigen.«
»Dafür ist es jetzt zu spät«, stellte Dalin fest. »Und von hier aus können wir ihnen auch nicht helfen. Da müssen wir eben warten.«
»Warten? Ich kann dieses Wort nicht mehr hören! Rumsitzen und nichts Tun; furchtbar! Vielleicht tun wir noch so, als sei überhaupt nichts geschehen.«
Kalle explodierte fast vor Ungeduld. Da waren seine Freunde offensichtlich in Not und er sollte hier auf der gemütlichen Veranda warten, bis die Sonne …
»Was willst Du sonst tun?«, unterbrach Dalin Kalles aufgebrachte Gedanken. »Selbst mit Deinen Stiefeln kommst Du in jedem Fall zu spät. Du weißt nicht einmal, ob Du durch die Höhle des hohen Berges kommen wirst, so allein. Und bis zum Gipfel klettern, wirst Du wohl auch nicht wollen. Der Wald liegt nun einmal jenseits des hohen Berges. Also warten wir. Amira geht es ja schließlich gut, oder?«
»Betty geht es auch gut.«
Vor lauter Aufregung hatte niemand auf den kleinen Balthasar geachtet. Der saß ebenso still auf der Bank wie Ralle, und fühlte in sich hinein. Genaugenommen spürte er in Betty hinein. Mit seinem sensiblen Empfinden verstand er einfach, was los war. Zwar konnte er nicht mit Betty sprechen, wie über ein Telefon, aber er »erfasste« sie. Für Balthasar war das schwer in Worte zu kleiden.
»Wo ist dann das Problem? Und wieso hat Betty unsere Freundin gebissen?«, wollte Malle wissen.
Wieder streckte Balthasar seine Fühler aus. Plötzlich empfand er, was Betty empfand.
»Amira wäre zu weit geflogen«, erklärte Balthasar seinen Freunden. Ralle übermittelte sogleich die Botschaft an seine Freundin.
»Da bin ich aber beruhigt«, dachte Amira und hielt unterdessen weiter Ausschau nach dem kleinen Eichhörnchen.
»Amira sucht Betty«, berichtete nun Ralle.
»Das ist ja besser als das große Flüstern!«, rief Kalle begeistert. »Sag Betty, sie soll sich keine Sorgen machen. Wir werden ihr von hier aus helfen.«
»Das kann ich nicht«, antwortete Balthasar. »Ich kann nur fühlen, wie es ihr geht. Mehr nicht.«
Die anfängliche Begeisterung über dieses »Ferngespräch« legte sich rasch.
»Das wäre auch zu einfach gewesen«, meinte Malle. »Kannst Du vielleicht »herausfühlen« wo Betty im Augenblick steckt?«
Balthasar zuckte mit den Schultern: »Ich versuche es; aber ihr müsst dazu schon ein bisschen ruhiger sein. Sonst kann ich mich nicht konzentrieren.«
Sofort schwiegen die Freunde; einige hielten sogar den Atem an. Mama Rums und der Bürgermeister verfolgten wie gebannt, was sich da vor ihren Augen abspielte. Im Grunde genommen war ja gar nichts zu sehen, jedoch in diesem Moment waren alle irgendwie auch in dem großen Wald jenseits des hohen Berges.
Während auf der Veranda immer noch atemlose Stille herrschte, sprang Amira von Ast zu Ast immer tiefer hinunter in den Wald.
»Ein Adler ist einfach kein Klettervogel«, dachte sie sich. Das konnte sie aber nicht davon abhalten, weiter nach ihrer kleinen Freundin zu suchen.
Betty war unterdessen so schnell sie nur konnte dem Hilferuf gefolgt. Sie sprang gerade um einen mächtigen Baum herum, als sie voller Entsetzen stehen blieb.
In gleichen Augenblick wurde Balthasar kreidebleich.
»Was ist passiert?«, flüsterte Mallewutz, der sich bislang zurückgehalten hatte.
Betty sah, wie der riesige Braunbär mit einer Tatze ihren Cousin auf den Waldboden drückte und festhielt. Ihr Cousin wimmerte nur noch und zitterte vor Angst.
»Er will ihn fressen«, sagte Balthasar mit matter Stimme. »Der Bär, der Bär will ihn fressen!« – »Wen?«, fragte nun Ralle, aber eigentlich war es Amira, die fragte. Jetzt ging alles sehr schnell. Balthasar erfasste, was Betty sah und fühlte und beschrieb damit gleichzeitig, wo Amira das kleine Eichhörnchen finden konnte. Das wurde auch höchste Zeit; denn der Bär wollte nicht länger warten und endlich seine »bescheidene Mahlzeit« zu sich nehmen. Gleich auf der Stelle und nicht erst in seiner Höhle.
Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«