Kuckuckswolke
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Lasst uns diesen Abend mit einer weiteren Episode unserer schönen Gutenachtgeschichten beenden. Doch bevor es losgeht, müsst Ihr Eure Vorbereitungen treffen. Also hüpft ganz schnell in Euer Bett; deckt Euch gut zu und macht es Euch wieder so richtig gemütlich, denn jetzt erfahren wir, was im Kuckucksdorf für so große Aufregung sorgt …
Es ist immer ein bisschen schwierig, wenn Dinge nahezu zeitgleich geschehen. Versuchen wir daher, ein wenig Ordnung hineinzubekommen. Also, kurz nachdem Balthasar aufgeregt und völlig außer Atem die Verandastufen heraufgesprungen war, ging Amira auf der anderen Seite des hohen Berges in einen langsamen Sinkflug über.
»Trotzdem lassen wir uns diesmal ein wenig mehr Zeit«, sagte Amira und flog in einem weiten Bogen um das Kuckucksdorf herum.
»Was heißt hier trotzdem?«, wunderte sich Öseblöm.
Der Abenteurer war zwar damit einverstanden, sich dieses mal vorsichtiger dem Dorf zu nähern, aber von „Zeit lassen“ konnte wohl keine Rede sein. Schließlich sollte heute der Tag sein, an dem er neue und vor allem eigene Stiefel bekommen sollte.
»Ich meinte Ralle, nicht Dich.«
»Warum drängt Ralle zur Eile? Wir werden noch früh genug vom Apfelsalat kosten können«, lachte Öseblöm. Und es war ein befreites Lachen. Tatsächlich hatte Amira ihren Freund lange nicht mehr so entspannt lachen hören.
»Na, dann musst Du aber erst vom Stiefelsalat kosten, befürchte ich.«
»Stiefelsalat? Seit wann sprichst Du in Rätseln, liebste Freundin?«
Jetzt erzählte Amira unserem Wanderer von Balthasar und dem entfesselten Stiefelsalat. Öseblöm konnte sich noch keinen Reim darauf machen, aber in ihm stieg eine Ahnung auf, was passiert sein könnte.
»Oh je«, sagte er. »Vielleicht sollten wir uns doch beeilen.«
»Wenn Du meinst«, entgegnete Amira. Fast hätte man meinen können, sie hätte mit ihren Schultern gezuckt, aber das konnte sie natürlich nicht. Einen Augenblick später legte sie ihre Flügel an und ging in einen steilen Sturzflug über.
»Halt Dich gut fest!«, warnte sie noch ihren Freund, dann pfiff ihnen schon der Wind um die Ohren.
Das Kuckucksdorf lag links von ihnen und war bereits gut zu erkennen. Wie ein Pfeil schossen sie nach unten, in die weite Ebene hinein. Dabei achtete Amira darauf, dem Dorf nicht zu nahe zu kommen. Diese Vorsicht war heute allerdings unbegründet, denn niemand im Dorf bemerkte ihren Flug. Die Bewohner vom Kuckucksdorf hatten ein ganz anderes Problem.
Noch bevor Amira die Höhe der ersten Baumwipfel erreichte, breitete sie ihre mächtigen Flügel aus und stoppte abrupt ihren Sturzflug. Dann zog sie einen großen Linksbogen und näherte sich nun langsam dem Dorf. Sie ahnten nicht, welch dramatische Szenen sich dort gerade abspielten.
In der Zwischenzeit wurden unsere Freunde auf der Veranda ziemlich ungeduldig.
»Willst Du uns bitte erklären, was Du mit Stiefelsalat meinst?«, fragte Malle und seine Stimme klang mehr als ungeduldig.
»Amira will sich Zeit lassen«, warf Ralle dazwischen.
Das hätte er besser nicht so gesagt, denn sogleich geriet alles drunter und drüber. Alle sprachen durcheinander. »Zeit lassen« war ein Stichwort. Sofort sprang Pimpinelle auf und schlug vor, Limonade zu holen. Kreszenz lief nervös auf der Veranda auf und ab und fragte immerzu: »Was hat das nur alles zu bedeuten? Sind unsere Freunde in Not?«
»Sie dürfen sich keine Zeit lassen!«, rief Malle aufgebracht. »Was ist mit Handan? Wie könnt ihr nur den Riesen vergessen?« – »Entfesselt«, wiederholte Balthasar immerzu und schaukelte wild auf dem Schaukelstuhl hin und her. – »Und den Apfelsalat, habt ihr den Apfelsalat vergessen?«, rief Mallewutz, noch viel aufgeregter als alle anderen. – »Ich sage nur Limonade!« unterbrach Pimpinelle den Wortsalat, den wirklich niemand in seiner ganzen Fülle je hätte aufschreiben können.
»Ruhe!«, rief Ralle in diesem Augenblick. »Hinsetzen und ruhig sein!«
Mit einem Schlag verstummten die Freunde. Ralle hingegen lauschte nach innen. Je länger er zuhörte, desto größer wurden seine Augen; dann begann er zu schmunzeln.
»Jetzt spann uns nicht auf die Folter!«, forderte Malle seinen Freund auf, endlich zu erzählen, was da los sei. Dabei war das Ganze nicht einfach zu beschreiben.
Amira und Öseblöm näherten sich also dem Kuckucksdorf im Tiefflug. Lautlos glitten sie über die vereinzelten Baumwipfel dahin. Öseblöm ahnte, dass sich im Kuckucksdorf ein kleines Drama abspielte. Tatsächlich war es eine große Katastrophe, die sich da anbahnte. Aber der Reihe nach.
Handan lag noch immer gefesselt in einer der Straßen, mitten zwischen den Häusern. Ein riesiges Tuch über seinem Kopf versperrte ihm die Sicht. Er konnte alles hören, aber er konnte eben nichts erkennen. Seine Stiefel hatten ihm einige der Dorfbewohner ausgezogen. Und das war wohl die schlechteste Idee, die man haben konnte.
Amira und Öseblöm hatten das Dorf noch nicht erreicht, da sahen sie bereits eine riesige Staubwolke, die wie ein übergroßer Finger aus dem Kuckucksdorf herausragte. Aber das war längst nicht alles. Vereinzelt sah man Dorfbewohner, die aus der Wolke herausgeschleudert wurden, nur um dann wieder aufgefangen und erneut in die Höhe geworfen zu werden. Es schien, als jonglierte die Wolke mit den Bewohnern des Kuckucksdorfes, ja, als wären die Bewohner ein Bestandteil der Wolke selbst.
Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«