Der Flüsterwald
»Ich hoffe, Ihr seid wieder bereit!«
Dann solltet Ihr schnell ins Bett krabbeln und unter Eure Decke huschen. Wir müssen es uns heute ganz besonders gemütlich machen, denn es gibt Merkwürdigkeiten, seltsame Merkwürdigkeiten … Darum schließt ganz schnell Eure Augen und spitzt wieder Eure Ohren, denn jetzt begeben wir uns wieder in den Zauberwald …
… der seinen Zauber wohl verloren hatte.
»Wirklich eigenartig«, murmelte Öseblöm. »Was ist hier wohl geschehen?«
»Was soll schon passiert sein?«, grummelte Amira zurück, die immer noch wie eine Ente hinter ihrem Freund herwatschelte.
Die Stille des Waldes war wirklich bedrückend. Nichts erinnerte an den »Zauber«, den sie bei ihrem letzten Besuch überall spüren konnten.
»In welche Richtung müssen wir gehen?«, fragte Öseblöm. »Du hattest doch meinen Hut schon gesehen, oder?«
»Wir müssen zuerst zu der Lichtung, auf der wir Don Carlos gefunden haben«, antwortete Amira. »Danach weiß ich dann schon weiter.«
»Sie kommen«, flüsterte etwas in ihrem Rücken.
Amira drehte sich um, konnte aber niemanden sehen.
»Hast Du was gesagt?«, fragte sie den Wanderer.
Öseblöm blieb stehen und blickte sich um.
»Meinst Du mich?«, fragte er.
»Wen denn sonst?«, murrte die Adlerdame.
»Nein, ich habe nichts gesagt«, antwortete Öseblöm. »Lass uns weitergehen.«
»Sie wollen ihn holen …«, flüsterte wieder etwas in ihrem Rücken.
Amira fuhr herum, konnte aber wieder niemanden sehen. Außer den vielen Bäumen, die eng gedrängt beieinanderstanden, und wildes Gebüsch war nichts zu erkennen.
»Wo bleibst Du denn?«, fragte Öseblöm, der schon weiter vorangegangen war. »Willst Du hier etwa Wurzeln schlagen?«
»Sie wollen ihn schlagen …«, zischte es hinter Amiras Rücken. Diesmal etwas lauter und besorgter.
Amira aber schaute sich nicht mehr um, sondern watschelte einen Schritt schneller, um wieder zu ihrem Freund aufzuschließen. Sodann wandelten sie gemeinsam hintereinander den Pfad, den sie vor Kurzem schon einmal entlang gewandert waren.
Wie schon beim letzten Mal schlängelte sich der Weg mal links herum, dann wieder rechts herum, immer weiter in die Tiefe des Waldes, bis sie schließlich den Baum mit der alten Eule erreichten …
Unser Öseblöm blieb stehen und verneigte sich höflich.
»Ich wünsche einen wunderschönen guten Tag, verehrte Frau Eule«, begrüßte er die alte Eule, die schlafend auf ihrem Ast saß, der genau über ihrem Waldweg schwebte.
Die Eule rührte sich nicht, ganz so, als hätte sie die beiden Freunde nicht bemerkt.
»Also schlafen Eulen doch«, stellte Amira sichtlich zufrieden fest.
Die Brust der Eule hob sich kurz, als ob sie still vor sich hin seufzen würde. Ihre Augen jedoch blieben geschlossen.
»Ich weiß jetzt, wo links ist«, startete Öseblöm einen neuen Versuch, die Eule zu einer Antwort zu bewegen. Unser Wanderer konnte sich nicht vorstellen, dass die alte Eule die beiden nicht bemerkt hätte.
Wieder hob sich die Brust der Eule für einen stillen Seufzer.
»Links ist da, wo der Daumen rechts ist«, sagte Öseblöm und schaute verwundert zur Eule hoch.
»Vielleicht können Sie mir ja helfen, liebe Eule.« Öseblöm ließ nicht locker. »Wenn ich meine Hand aber umdrehe, dann ist mein Daumen plötzlich links. Stehe ich dann rechts, nur weil ich meine Hand umgedreht habe?«
Amira schaute völlig verdutzt zu ihrem Freund herüber. Die Eule aber hielt ihre Augen geschlossen. Nur ihre Brust hob sich wieder, für einen kleinen Seufzer.
»Sie kommen …, sie werden ihn holen …, sie werden ihn schlagen …«
Wieder ging ein Flüstern durch den Wald, das der plötzlich aufkommende Wind von einem Busch zum anderen trug, gut verborgen im Rauschen der Blätter.
Amira achtete nicht mehr darauf. Sie wunderte sich nur über das seltsame Verhalten der Eule. Unser Wanderer jedoch verstand die Worte, nicht aber ihren Sinn. – »Liebste Eule,« begann Öseblöm von Neuem, »wie Du Dich vielleicht erinnerst, kommen wir als Freunde. Würdest Du mir also bitte als Freund einmal erklären, was hier los ist? Was in aller Welt ist passiert?« – »Das würde ich auch gerne wissen«, sagte Amira. Die Eule hingegen seufzte wieder still, hielt ihre Augen aber geschlossen. Dann drehte sie sich auf dem Ast um und kehrte unseren Freunden den Rücken zu …
Ihr liebe Kinder dürft Euch jetzt auch umdrehen und schlafen, denn das Traumland wartet wieder auf Euch. Darum heißt es nun, wie jeden Abend:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«