Endlich frei
»Wieder einmal ist es so weit, ich hoffe sehr, Ihr seid bereit?«
Dann wollen wir diesen Tag beschließen. Also, die üblichen Vorkehrungen treffen …, Augen schließen, Ohren auf und gut aufpassen, das Kuscheln nicht vergessen, denn jetzt wartet eine neue schöne Gutenachtgeschichte auf Euch …
Amira und Öseblöm hatten wieder ihre Reisehöhe erreicht und Amira flog schnell.
»Etwas tiefer bitte«, bat Öseblöm. »Sonst übersehen wir noch die kleine Marie.«
Der Wind blies unserem Wanderer von Neuem kräftig ins Gesicht. Nach allen Seiten hielt er Ausschau, aber bislang konnte er das Schäfchen nirgends erblicken. Überall die gleiche Landschaft, immer wieder ein paar Büsche, hier und da vereinzelte Bäume, etwas weiter auch ein kleiner See, das alles gespickt mit kleinen und manchmal auch etwas größeren Felsbrocken, die wahllos über das Land verstreut schienen – aber keine Marie.
»Wir müssen weiter und wir müssen Kreise ziehen«, sagte Öseblöm.
»Dann verlieren wir Zeit«, murrte die Adlerdame. »Ich dachte, wir müssen uns beeilen. Stattdessen soll ich jetzt gemütlich im Kreis fliegen.«
»Nein, nicht gemütlich, sondern gründlich«, antwortete Öseblöm und fügte erklärend hinzu: »Wenn wir die kleine Marie übersehen, dann verlieren wir noch mehr Zeit.«
»Ich halte doch auch schon Ausschau nach der Kleinen. Und glaube mir, ein Schäfchen entgeht mir nicht …«, antwortete Amira etwas vieldeutig.
Sie flog jetzt tiefer, aber nicht langsamer. Mit ihren scharfen Adleraugen suchte sie die Landschaft ab und wahrlich, es entging ihr nichts. Ob Häschen oder Fuchs, selbst kleinste Mäuse erkannte sie sofort. Aber die Freunde waren ja auf der Suche nach dem Schäfchen Marie und nicht auf der Jagd.
Das jedoch konnten die Tiere unter ihnen nicht wissen. Deshalb ergriff alles die Flucht und stob davon, als sie sich näherten.
»Sie ist nicht hier«, sagte Öseblöm. »Ob sie sich vielleicht verlaufen hat?«
»Das glaube ich nicht«, antwortet Amira. »Unsere Marie ist mutig und klug. Sie folgt bestimmt den Spuren des Riesen. Die sind ja nicht zu übersehen.«
»Na ja«, entgegnete Öseblöm. »Marie ist zwar mutig, aber ich fand es nicht besonders klug von ihr, so alleine loszurennen.«
»Papperlapapp«, antwortete Amira. »Wenn Marie nicht gewesen wäre, würden wir vielleicht immer noch nach Pepe suchen und hätten auf keinen Fall Don Carlos kennengelernt.«
»Damit magst Du recht haben«, stimmte unser Wanderer zu und dachte für einen Augenblick darüber nach, was sie jetzt tun sollten.
»Möglicherweise ist sie ja schon bei der Höhle …?«, überlegte Öseblöm laut.
»Ohne Wanderstiefel?«, zweifelte Amira.
»Wir müssen jetzt einfach weiter«, sagte Öseblöm, dabei tastete sein Blick noch einmal die ganze Umgebung ab.
»Also gut«, meinte Amira nur und beschleunigte wieder ihre Reise.
Unser Wanderer musste sich wirklich gut festhalten, um nicht herunterzufallen.
»Da vorn muss die Höhle sein!«, rief Amira. »Ich sehe die drei Bäume und ein riesiges Gebüsch direkt am Felshang. Ganz so, wie Erik es beschrieben hat.«
»Das stimmt«, antwortete unser Held. »Ich kenne den Eingang …«
»Du kennst den Eingang?«, fragte die Adlerdame. »Warst Du etwa schon einmal hier?«
»Das ist schon lange her …«, murmelte Öseblöm. »Lass uns bei den Bäumen landen.«
Amira tat, wie ihr geheißen. Sie landete dicht bei den Bäumen auf dem Boden und setzte ihren Freund ab. Öseblöm sprang rasch auf den mittleren der Baumgruppe zu und begrüßte ihn: »Hallo mein Freund.«
»Ihr seid wieder da!«, rief der Baum voller Freude. Seine Blätter zitterten und leuchteten für einen Augenblick etwas grüner als gewöhnlich.
»Habt Ihr zufällig eine Freundin von uns gesehen?«, fragte Öseblöm.
»Nein«, antwortete der Baum.
»Ein kleines Schäfchen«, sagte Öseblöm. »Ungefähr so groß.« Dabei deutete er mit der Hand eine Höhe von etwa 50 cm an. »Es hört auf den Namen Marie.«
»Eure Freundin ist ein Schäfchen?«, staunte der Baum. »Dann müsst Ihr Euch aber anstrengen.«
»Wieso muss ich mich anstrengen?«, fragte Öseblöm und runzelte ein wenig seine Stirn.
»Na, Deine Freundin hat jetzt einen neuen Freund. Sie ist nun wohl mit dem Busch hinter mir engstens befreundet.«
Unser Wanderer schaute zu dem beeindruckenden Gebüsch und sah das Hinterteil der kleinen Marie, wie es noch aus dem dicht umschlungenen Gewächs herausblitzte.
Öseblöm trat an den Busch heran. »Mein Freund, mein Freund, dieses Schäfchen gehört zu mir!« – Der mächtige Busch erzitterte. »Ich weiß, ich weiß«, antwortete eine Stimme, die irgendwo in den Tiefen des Gebüschs entsprang. – »Nun gib schon endlich meine Freundin frei«, sagte Öseblöm und lachte. Er war froh darüber, dass der kleinen Marie nichts weiter zugestoßen war.
Ihr liebe Kinder seid jetzt frei, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es jetzt:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«