… die unglaublichen Abenteuer des Herrn Öseblöm –
und seiner Freunde …

Sicheres Nest

»Seid Ihr bereit? Es ist wieder soweit!«

Lasst uns einen schönen Tag mit einer schönen Gutenachtgeschichte beschließen. Dazu müsst Ihr natürlich vorbereitet sein. Ihr wisst schon, zudecken und so … Also bitte …, richtig gemütlich kuscheln, dann heißt es »Augen zu und Ohren auf«, denn jetzt sind wir wieder auf der Veranda unserer fünf Burschen …

»Ich lasse Dich leben …?«, wiederholte Kalle. »Das ist ja wohl ein Ding, oder?«

Die Burschen waren richtig aufgebracht.

»Ich lasse Dich leben …«, wiederholte auch Kreszenz. »Das kann ja wohl nicht wahr sein. Nicht einmal ein einfaches Danke hat sie gesagt. Das ist ja eine schöne Freundin. Aus lauter Dankbarkeit lässt sie Dich leben!«

»Nun, Ihr dürft nicht vergessen, dass die Adlerdame ein mächtiger und gefährlicher Raubvogel war«, erklärte Öseblöm. »Und auch wenn wir jetzt alle mit ihr befreundet sind, sie ist immer noch ein gefährlicher Raubvogel und kein Kuscheltier!«

»Auf den Schreck brauche ich erst einmal eine leckere Limonade«, warf Balthasar ein, stand auf und verschwand kurzerhand in die Küche.

»Eine gute Idee!«, lobte Dalin, der für einen kurzen Moment mit seinen Augen blinzelte. Auch wenn es für einen Außenstehenden aussehen mochte, als ob er schlief, war Dalin hellwach und lauschte aufmerksam der Erzählung.

Nachdem die Freunde alle mit der leckeren Limonade auf ihre Freundschaft angestoßen hatten, konnte Öseblöm fortfahren, mit seinem Abenteuerbericht.

»Die Adlerdame schaute mich mit dunkel blitzenden Augen an. Ihr könnt mir glauben, ich war ganz schön nervös. Dennoch fand ich, dass ich ein wenig Anerkennung verdient hatte. Also fragte ich sie: »Das Leben Deines Sohnes ist also nicht mehr wert, als mein Leben? Sozusagen mein Leben für sein Leben …?«

»Eine vorzügliche Frage!«, bemerkte Kalle, der sich wieder versuchte vorzustellen, wie er selbst in der Situation reagiert hätte.

»Danke«, sagte Öseblöm. „Aber die Reaktion darauf ließ mich noch vorsichtiger werden. Sämtliche Nackenfedern des Raubvogels stellten sich steil auf. Ich wusste sofort, dass mit der Dame nicht zu spaßen war.

»Was diskutierst Du mit mir über Dein Leben«, knurrte sie. »Gib mir gefälligst meinen Sohn heraus und ich lasse Dich ziehen. Zumindest sollst Du einen fairen Vorsprung erhalten!«

»Fairer Vorsprung?!«, rief Kalle aufgebracht. »Das wird ja immer besser! Also wirklich, wenn Amira nicht Amira wäre …, dann …«

»… würden wir vielleicht nicht hier zusammensitzen«, ergänzte Öseblöm. »Normalerweise diskutieren Adler nicht. Das solltet Ihr wissen, falls Ihr einmal alleine draußen in der Wildnis seid. Aber zu unser aller Glück, hatte die Dame sich auf ein Gespräch eingelassen.«

»Wieso kannst Du überhaupt sprechen«, fragte die Adlerdame.

»Aber ich bitte Sie, werte Frau Adlerdame«, antwortete ich und versuchte besonders höflich zu sein.  »Jeder kann doch sprechen.«

»Papperlapapp«, antwortete die Adler-Mama. »Nur Adler können sprechen! Alle anderen geben, wenn überhaupt, ein paar seltsame Quieck-Geräusche von sich. Wieso also kannst Du sprechen, Du bist kein Adler!«

»Dass Euch das auffällt …, frotzelte ich ein bisschen, denn jetzt ahnte ich, dass ich bereits gewonnen hatte. Vielleicht bekomme ich von Euch ja mehr, als nur mein Leben, wenn ich Euch Euren Sohn zurückgebe und zusätzlich noch einen Tipp, wie Ihr verhindern könnt, dass Euer Liebling immer aus dem Nest fällt …?«

»Wie sollte ich das verhindern?«, fragte die Adlerdame. »Ich kann nicht immer auf ihn aufpassen, schließlich muss ich das Futter für diesen Nimmersatt heranschaffen.«

»Wenn Ihr erlaubt, dann helfe ich Euch dabei, einen kleinen Zaun um das Nest zu errichten. Dann habt Ihr ein sicheres Nest und der Kleine kann nicht mehr so einfach herausfallen.«

Die Adlerdame dachte ernsthaft über den Vorschlag nach. Immer wieder bewegte sie ihren Kopf von links nach rechts und wieder zurück, dann schaute sie hoch zu ihrem Nest herauf, blickte abermals auf mich, dann zurück auf ihren Sohn, den ich noch immer vorsichtig auf dem Arm trug.

»So soll es sein«, sagte sie, kam auf mich zu und packte mich im Nacken. Diesmal achtete sie darauf, mich nicht mit ihren Krallen zu verletzen. Zusammen hob sie uns in die Höhe und setzte uns bedächtig in ihrem Nest ab. »Danke, danke, danke«, rief das Baby, als es endlich wieder in seinem Nest angekommen war. »Danke, Mama, … Freund.« Die Adlerdame schaute mich an, als wolle sie sagen »noch lange nicht«, aber sie schwieg.«

»Also half ich Ihr dabei, einen kleinen Zaun um das Nest zu errichten. Jetzt hatte das Adlerbaby ein sicheres Nest.« – »Und die Adlerdame?«, fragte Balthasar. »Hat sie Wort gehalten?« – »Nun, man kann über Adler sagen, was man will, aber sie sind nicht verschlagen und hinterhältig«, antwortete Öseblöm. »Nachdem wir das Nest gesichert hatten, trug sie mich wieder zum Waldboden herunter. Kaum hatte sie mich abgesetzt, fragte sie auch schon: »Und was wünschst Du Dir von mir, außer Deinem Leben?« »Ich verneigte mich tief und sagte höflich: Mein Name ist Vinidi Öseblöm, von Öseblömhausen, Öseblöm. Meine Freunde nennen mich einfach nur Öseblöm. Ich wüsste gerne Euren Namen, werte Frau Adlerdame. Der Raubvogel war sichtlich beeindruckt von den guten Manieren und nicht nur das. Die Adler-Mama hatte durchaus verstanden, dass ich tatsächlich das Leben ihres Sohnes gerettet hatte. Schließlich sagte sie: »Mein Name ist Amira … Du hast etwas gut bei mir.«

Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt wieder an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:

»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«