Flüster-Geheimnis
»Seid Ihr bereit? Es ist soweit!«
Dann kann es gleich weitergehen, mit unseren Geschichten, auf der Veranda der fünf Burschen. Also macht es Euch wieder richtig gemütlich in Eurem Bett und deckt Euch gut zu. Jetzt schließt bitte Eure Augen und lauscht aufmerksam der heutigen Geschichte …
»Öseblöm! … Öseblöm!«, keuchte Kreszenz, der völlig außer Atem die Veranda erreichte. »Ich weiß, wie Du Deine Eltern finden kannst!«
Unser Wanderer warf einen verwunderten Blick auf den Sohn des Bürgermeisters.
»Du musst nur flüstern …«
Kreszenz hatte es zwar noch nicht selbst erlebt, aber die anderen hatten ihm ja von der Suche nach Dalin berichtet. So verwunderte es nicht, dass auch Kreszenz auf diese Idee kam.
»Da müssen wir wohl bis heute Abend warten«, meinte Balthasar.
»Heute Abend wird Öseblöm flüstern?«, staunte Kreszenz. »Muss es dazu dunkel sein?«
»Nein, heute Abend erzählt uns Öseblöm vom Flüsterer«, erklärte Mallewutz, der auch schon ganz gespannt war.
Gegen Abend, Dalin hatte ein köstliches Abendessen vorbereitet, kamen auch Kalle, Malle und Dralle nach Hause.
»Öseblöm! … Öseblöm!«, rief Kalle schon von Weitem. »Wir wissen, wie Du Deine Eltern finden kannst! Du musst einfach nur flüstern …«
So kam es, dass alle die gleiche Idee hatten, nur unser Öseblöm hatte seine Zweifel. Er glaubte nicht, dass ihm diese Fähigkeit helfen könnte.
Nach dem Abendessen war es dann soweit. Balthasar stellte wieder ein paar Kerzen bereit, Mallewutz holte aus der Küche von der leckeren, selbst gemachten Limonade und Dalin machte es sich auf dem Schaukelstuhl gemütlich. Die anderen saßen gespannt auf den Bänken und warteten darauf, dass der Wanderer endlich erzählte.
»Nach meiner Begegnung mit Amira zog ich weiter meines Weges. Schließlich hatte ich nicht vergessen, weshalb ich auf Reisen war. Es vergingen ein paar Tage, in denen ich eine schier endlos scheinende Landschaft durchstreifte. Eine einsame Gegend. Bis ich schließlich erneut auf einen Wald stieß. Ein ziemlich großer Wald und ein ganz besonderer obendrein.«
»Der Zauberwald?«, stieß Kreszenz hervor.
»Nein, nicht der Zauberwald. Außerdem hatte ich bis zu dem Zeitpunkt noch nie etwas von einem Zauberwald gehört. Das kam erst später. Aber auch dieser Wald verbarg ein Geheimnis.«
»Was für ein Geheimnis?«, fragte Balthasar neugierig.
»Immer mit der Ruhe«, sagte Öseblöm. »Eins nach dem anderen. Ich betrat also diesen Wald und war eigentlich frohen Mutes, als ich plötzlich ein seltsames Wispern hörte. Es war, als würde der Wind mit den Zweigen und Ästen spielen und ihr leises Rascheln verbreitete sich im ganzen Wald.
»Er ist da …«, erklang es kaum hörbar. Ich drehte mich um, konnte aber nichts erkennen. Genau genommen konnte ich vor lauter Bäumen nicht einmal erkennen, woher ich gekommen war. Es gab ja keinen Weg oder Trampelpfad. Und wieder dieses Wispern … »Er ist da …, er ist gekommen …«. Manchmal hatte ich den Eindruck, jemand beobachtet mich, aber es war selbst für mich einfach nichts zu erkennen.«
Die Burschen hingen wieder wie gebannt an seinen Lippen. Nur Dalin saß, wie eh und je, mit halb geschlossenen Augen in seinem Schaukelstuhl und schien vor sich hinzudösen.
»Plötzlich,« fuhr Öseblöm fort, »ich stand gerade vor dem großen Stamm einer mächtigen Buche, öffneten sich direkt vor mir zwei Augen! Wie aus dem Nichts schwebten sie in der Luft. Dann löste sich aus dem Stamm heraus ein Mensch … und nicht nur einer. Von allen Bäumen um mich herum lösten sich Menschen und lächelten mich an. Sie waren von oben bis unten bemalt und sahen aus, wie die Baumstämme um sie herum. Sobald sie still vor einem Baum verharrten, konnte niemand sie mehr von den Baumstämmen unterscheiden.«
»Das ist ein Ding!«, warf Kalle ein, der sofort verstand, dass hier ein neues Abenteuer lauerte.
»Glücklicherweise waren sie friedlich und freundlich«, sagte Öseblöm. »Ansonsten hätte ich wohl ein echtes Problem gehabt. Der Mann vor mir grinste mich an und seine strahlend weißen Zähne blitzten hervor. »Sei willkommen«, begrüßte er mich. »Das Waldvolk hat Dich schon erwartet.« Wieder ertönte dieses Wispern, das sich mit dem Wind vermischte und von Baum zu Baum und von Blatt zu Blatt eilte. »Er ist da … er ist gekommen …«
»Ihr könnt Euch sicher vorstellen, wie überrascht ich war.«
»Hattest Du keine Angst?«, fragte Kreszenz.
Öseblöm lächelte.
»Nein, mein Freund. Wenn das Waldvolk Dich willkommen heißt, brauchst Du keine Angst haben. Anders könnte es allerdings sein, wenn sie Dich nicht mögen oder Du ihnen gar feindlich gesinnt bist.«
»Und was ist jetzt mit dem Flüsterer?«, wollte Balthasar wissen. »So wie Du erzählst, flüstern die alle, der ganze Wald, meine ich.« – »Ja, das ist richtig. Das Waldvolk bedient sich des großen Flüsterns und ihr Anführer ist der Flüsterer«, antwortete Öseblöm. »Aber der Mann, der vor mir stand, war nicht ihr Anführer. »Folge mir, mein Freund«, sagte er, drehte sich um und schritt mit schnellen Schritten zwischen den Bäumen voran. Er wartete nicht auf mich. So musste ich mich sputen, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Begleitet wurden wir von diesem eigenartigen Flüstern, das uns kaum hörbar umgab. »Er ist da … er ist gekommen …«
Für Euch, liebe Kinder, ist es jetzt wieder an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es nun:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«