Erik, der Weise
»Ich hoffe Ihr hattet einen schönen Tag?!«
Dann ist es jetzt an der Zeit, diesen Tag mit einer wunderbaren Geschichte zu beenden. Deshalb hüpft nun ganz schnell in Euer Bett und deckt Euch gut zu. Macht es Euch so richtig gemütlich. Seid Ihr soweit? Also gut: Schließt bitte Eure Augen und macht Eure Ohren ganz weit auf, denn heute begeben wir uns zur Schafherde. Schließlich wollt Ihr sicher auch erfahren, was Erik zu erzählen hat.
Handan hatte es sich in der Zwischenzeit bequem gemacht. Mit lang ausgestreckten Beinen saß er an jenem kleinen Felsen gelehnt, den er schon einmal als Rückenlehne benutzt hatte; damals.
»Wie die Zeit vergeht«, dachte er nur und schaute den Schäfchen zu, die sich ohne die geringste Angst vor ihm, wieder dem Grasen widmeten.
Öseblöm hingegen folgte dem Bock etwas abseits des Trubels. Dort blieb Erik stehen, drehte sich um und schwieg. Vielleicht dachte er aber auch nach; wer konnte das schon so genau sagen.
»Wir sind gekommen, um Marie wieder sicher nach Hause zu bringen«, sagte Öseblöm, um das Schweigen zu unterbrechen. Innerlich schüttelte er den Kopf über sich selbst. »Was habe ich da gerade gesagt? Wir sind gekommen, um Marie sicher nach Hause zu bringen? Wir haben sie doch schon sicher nach Hause gebracht!« Der Wanderer ärgerte sich über sich selbst. So etwas war ihm schon lange nicht mehr passiert.
Aber der Anführer der Schafherde schwieg weiterhin. Öseblöm beschloss, kein weiteres Wort mehr zu sagen. So schwiegen sich die beiden eine ganze Weile an.
»Danke«, sagte Erik plötzlich.
Öseblöm unterdrückte eine rasche Antwort und schwieg. Das war auch gut so, denn der Bock hatte durchaus etwas zu sagen.
»Wir sind froh, dass Marie wieder zurück ist«, sprach der Bock in seiner unnachahmlichen, langsamen Art, die einen ungeduldigen Menschen ganz schön auf die Folter spannen kann.
Öseblöm schwieg. Er wollte den »Redefluss« nicht unterbrechen.
»Gerade rechtzeitig.«
Unserem Wanderer fiel es nicht leicht, ruhig zu bleiben. Aber er spürte instinktiv, dass es diesmal besser sei, zu schweigen.
»Wir werden weiterziehen; zu einer neuen Weide.«
Erik sprach sehr langsam und mit bedacht. Im Vergleich dazu rasten unserem Öseblöm die Gedanken fast schon im Eiltempo durch den Kopf. Dennoch blieb der Wanderer ruhig und wartete mehr oder weniger geduldig ab, was Erik von Weidenstamm noch alles zu erzählen hatte.
»Ihr werdet uns künftig weiter unten im Süden finden.«
»Wo genau, im Süden?«, platzte der Wanderer dazwischen. Sogleich biss er sich auf die Lippen, aber da war es schon passiert.
»Smilan«, sagte Erik.
»Den Ort kenne ich nicht, kannst Du das näher beschreiben?«
Der Bock zog ungehalten eine Augenbraue hoch. Er konnte es nicht leiden, wenn jemand ihn in seinen wohldurchdachten Gedankengängen unterbrach. Auch wenn er diesen überaus höflichen Wanderer sympathisch fand; aber niemand sollte Erik von Weidenstamm durcheinanderbringen.
»Ihr sucht Smilan.«
»Den Ort kenne ich nicht«, wiederholte Öseblöm. Diesmal sprach er ebenso langsam wie Erik.
»Wir sind im Süden, nicht wirklich weit von hier. Aber Ihr sucht Smilan.«
Die wirklich sehr langsam gesprochenen Worte halfen unserem Öseblöm nicht weiter; noch nicht.
»Er erwartet Euch schon.«
Jetzt war unser Abenteurer wie elektrisiert. »Was hatte Erik da gesagt? Von wem sprach er da?« Öseblöm behielt seine Gedanken für sich. Sollte die Herde weiter nach Süden ziehen, so wäre das für ihn sicher kein Problem, sie zu finden. Schließlich war Öseblöm ein ausgezeichneter Fährtenleser.
»Smilan,« wiederholte Erik, »der Stiefelmacher.«
In diesem Moment stieg in dem Wanderer eine unglaubliche Freude auf. Der Stiefelmacher erwartete ihn! Das bedeutete auch: er würde neue Stiefel bekommen. Öseblöm zögerte kurz bei dem Gedanken.
Erik von Weidenstamm, der Anführer der Schafherde, lächelte tatsächlich, als er bedächtig fortfuhr: »Ja, Du sollst neue und vor allem »eigene« Stiefel bekommen.«
»Danke!«, rief Öseblöm. Vor lauter Freude umarmte er den Bock. Erik war dies sichtlich unangenehm, konnte sich jedoch kaum dagegen wehren.
»Allerdings«, sagte er und wandte sich mühsam aus der Umarmung. Öseblöm verstand und verneigte sich kurz: »Verzeihung, ich wollte Euch nicht zu Nahe treten.«
Erik hingegen fuhr ganz langsam fort: »Ihr habt nicht viel Zeit.« – Dadurch dass diese Worte so geruhsam ausgesprochen wurden, dauerte es etwas, bis Öseblöm endlich verstand. – »Er wartet nicht mehr lange«, sagte Erik, der spürte, dass sein Besuch gleich wieder davonrasen würde. Daher versuchte der Bock, sich zu beeilen. Öseblöm jedoch hatte seinem Freund bereits das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Der Riese aus Wurzelbruck erhob sich, packte mit einem Griff unseren Wanderer und hob ihn auf die Schulter. Dann ging es schon los.
Für Euch, liebe Kinder, ist es nun an der Zeit, ins Traumland zu reisen … Darum heißt es wieder:
»Gute Nacht und träumt recht schön, schon morgen wird es weiter gehen.«